Kultur

Mord in der Kleinstadtidylle

Stephen King ist Fan von ihr: Im Debüt der britischen Autorin C J Tudor leben die Kinder nur für eine kurze Zeit in einer unschuldigen Welt

Es ist das Jahr 1986. Der zwölfjährige Ed wird auf einer Kirmes Zeuge eines Unfalls, bei dem ein junges Mädchen schwer verletzt wird. Er will einfach nur verschwinden, als ihm das entstellte Mädchen direkt ins Gesicht schaut, aber sein neuer Lehrer, Mr. Halloren überzeugt ihn, seine Angst zu überwinden und zu bleiben, bis Hilfe eintrifft. Der blasse Mr. Halloren ist es später auch, der Ed auf die Idee bringen wird, mit Kreidemännchen in unterschiedlichen Farben als Botschaften mit seiner Clique zu kommunizieren. Doch dann tauchen Kreidemännchen auf, die niemand aus der Gruppe hinterlassen hat, und die die Kinder zu einer völlig zerstückelten Frauenleiche führen.

Der Mord ist lange nicht das einzige Problem, das die Bewohner dieser kleinen englischen Stadt umtreibt. Eds Mutter ist eine Ärztin, die Abtreibungen durchführt, wodurch sich die ganze Familie ständigen Anfeindungen durch die Nachbarschaft ausgesetzt sieht. Sein Vater kämpft gegen sich selbst, weil er sich als freier Autor nicht immer respektiert fühlt. Eds Freundin, das einzige Mädchen seiner Gruppe, ist ausgerechnet die Tochter des Pfarrers, der zum größten Verdächtigen wird, als Eds Zuhause angegriffen wird. Klar wird ebenso, dass der Pfarrer bei der Kindererziehung zur Gewalt neigt. Und was hat es eigentlich wirklich mit Mr. Hallorens Treffen mit dem Kirmesopfer auf sich?

Jahrzehnte später, es ist 2016 und Ed ist inzwischen selbst Lehrer geworden. Er ist zurück in seiner Heimatstadt, ist alleinstehend, ziellos, irgendwie unzufrieden, wohnt mit einer jungen, lässigen Untermieterin zusammen und fragt sich ängstlich, ob ihm das Schicksal seines Vaters droht, der langsam an Alzheimer zugrunde gegangen ist. Die Mutter praktiziert nicht mehr und hat einen neuen Lebenspartner gefunden. Die Vergangenheit holt ihn ein, als sich ein Freund von früher bei ihm meldet und behauptet, der Mord von vor 30 Jahren würde vor der Aufklärung stehen. Ziemlich schnell wird es einen weiteren Todesfall geben. Ed selbst hat damals Schuld auf sich geladen, ungewollt zwar, aber dennoch mit gravierenden Konsequenzen. Hat er etwas mit den Todesfällen zu tun? War er dabei, als sein Freund gestorben ist? Wer war das Mädchen, das vor 30 Jahren bei seiner Mutter Hilfe suchte?

„Der Kreidemann“ ist ein gelungener Debütroman der britischen Autorin C J Tudor, die hier mit voller Absicht mit Elementen ihres großen literarischen Vorbilds, dem US-Schriftsteller Stephen King, spielt und vor allem an dessen Novelle „Stand by me – Geheimnis eines Sommers“ erinnert. Kinder, die in den 80ern mit ihren Fahrrädern unschuldig durch die Natur düsen, während das Böse in Form von Erwachsenen im Hintergrund lauert, waren nicht zuletzt auch schon in der Netflix-Serie „Stranger Things“ ein bestimmendes Thema.

Tudor hat sowohl das Durch-den-Wald-Biken in den 80er-Jahren selbst erlebt, wie sie schon damals alle Romane Stephen Kings verschlungen hat. Kaum auszumalen, wie glücklich sie sein muss, dass der Roman nicht nur sofort in 39 Ländern veröffentlicht worden ist, sondern der Meister selbst sie nun in den Autorenhimmel gehoben hat: „Wenn du meine Sachen magst, wirst du das auch mögen“, kommentierte Stephen King auf Twitter zum Roman. Die Idee mit den Kreidemännchen ist ihr dabei nach einem ganz harmlosen Kindergeburtstag gekommen, bei dem ihre damals zweijährige Tochter Straßenkreiden geschenkt bekam.

Die Striche auf dem Asphalt, die am Abend im Licht der Straßenlaternen auf einmal einen ganz unheimlichen Anschein bekommen hätten, haben sie direkt zu ihrer Geschichte inspiriert. Anders als bei den klassischen King-Romanen oder der Serie „Stranger Things“ lauern hier auch keine Monster im Straßengraben, es ist ein Krimi mit Mord, Selbstmord, Kindesmissbrauch, Klatsch und Niedertracht in einer Kleinstadt.