Kultur

Reise durch ein trauriges Land

Fotografin Isabelle Graeff unterwegs in Großbritannien vor dem Brexit: Porträt- und Landschaftsaufnahmen in der Galerie Sexauer

Es gibt Fotografen, die in den Krieg ziehen. Der Brite Martin Parr hingegen geht lieber in den Supermarkt um die Ecke, „weil“, wie er einmal beschrieb, „ich die Wirklichkeit dort zeigen möchte. Ich will, dass nicht nur die Dritte Welt dokumentiert wird, sondern auch die Erste Welt“. Parr hat über Jahrzehnte mit der Kamera sein Heimatland und dessen Bürger gnadenlos porträtiert, nicht zu ihren Gunsten, dafür stets mit jeder Menge Humor.

Isabelle Graeff ist nun nicht Martin Parr, weniger plakativ, jünger dazu, doch auch sie ist 2015 durch Großbritannien gezogen. Um dem Land mit ihrer Kamera einen Spiegel vorzuhalten. Mit offenen Augen und genügend Herzwärme für die Briten entstanden leise, mal lakonische, mal melancholische Momentaufnahmen eines Landes vor dem Brexit-Referendum. Zu sehen ist nun eine Auswahl von „Brexit“ in der Galerie Sexauer: Landschaftsaufnahmen, Porträts und Nature Morte.

In Berlin bekannt wurde Isabelle Graeff, 1977 in Heidelberg geboren, mit einer Serie über ihre schöne Mutter, die sie fotografisch über Jahre begleitet hat. Ein Mutter-Tochter-Projekt. Studiert hat sie in England, sie kennt also die Engländer ganz gut, irgendwann kehrt sie als Gast zurück – nicht ohne Not. Sie versuchte den Tod ihres Vaters zu verarbeiten. So reist sie von London nach Bristol, St. Ives, Birmingham, Norwich, weiter nach Cambridge und Rhossili Bay.

Es sind persönliche, subjektive Beobachtungen, die wie Erzählungen wirken. Was bringt der Brexit dem Land? – diese Frage fungiert wie eine unsichtbare Klammer zwischen den Fotografien. Mag sein, dass Graeffs eigene Melancholie ihre Fotos einfärbt, ein Hauch von Abschied und Desillusionierung liegt eigentlich über allen. Anders als Parr, der es in Kauf nimmt, seine Landsleute zu desavouieren, kommt Graeff ohne Zynismus aus. Sie schafft es, den Betrachter ihrer Bilder mit einzubeziehen in das genaue Schauen: Da steht dieser Mann mit dem typischen Londoner „office“-Nadelstreifenanzug, wir sehen nur die linke angeschnittene Rückenansicht, hier hängt alles. Die Hose, das Sakko, die knautschige Aktentasche werden wie von einem unsichtbaren Sog nach unten gezogen. Dort die leere Theke mit den eingeschlagen Scheiben, deren wuchtige Splitter die einzigen Auslagen bilden. Dann wieder lauter ungeöffnete Briefe, die auf dem Trottoir verstreut liegen. Oder die Spiegelungen in den Pfützen einer Autoscooter-Fläche auf dem Jahrmarkt in Blackpool: Fragmente von Bikini-Girls und Jeanshosen.

Und immer wieder die unsagbar trostlosen Strände der Seebäder, mit bleichen Sonnenanbetern, die sich mit ihren Sachen so ausgebreitet haben, als ob sie hier nächtigen würden wie Obdachlose. „Happy Days“ verkündet die Leuchtschrift auf einem Jahrmarkt, doch die Lämpchen sind längst aus. Kein Mensch, nirgends.

Galerie Sexauer, Streustr. 90, Weißensee. Mi.–Sbd., 13–18 Uhr. Bis 9. Juni

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