Villa Grisebach

Warum Max Beckmanns „Ägypterin“ 4,7 Millionen Euro brachte

Das Bild „Die Ägypterin“ hat einen Rekordpreis erzielt. Wie es zum höchsten Erlös bei einer Auktion in Berlin kam.

Mitarbeiter der Villa Grisebach halten das Gemälde "Die Ägypterin" von Max Beckmann während der Versteigerung durch den Auktionator Peter Graf zu Eltz (l)

Mitarbeiter der Villa Grisebach halten das Gemälde "Die Ägypterin" von Max Beckmann während der Versteigerung durch den Auktionator Peter Graf zu Eltz (l)

Foto: Soeren Stache / dpa

Bereits die Auftaktversteigerung mit Kunst aus dem 19. Jahrhundert brachte die erste Überraschung der diesjährigen Frühjahrsauktionen bei Grisebach: Die „Schlittschuhläufer“ im Tiergarten von Adolph Menzel und die „Mittelgebirgslandschaft“ von Caspar David Friedrich waren als Höhepunkte der Auktion gedacht. Menzels Bild mit schwarzer, weißer und farbiger Kreide auf Karton um 1855/1856 porträtiert das Freizeitvergnügen moderner Städter und ging für 312.500 Euro an ein deutsches Museum (alle Preise inklusive Aufgeld). Die aquarellierte Zeichnung von Caspar David Friedrich um 1828 wechselte für 250.000 Euro den Besitzer. Ihm stahl allerdings ein vorwitziger Mops auf einem roten Plüschsessel die Schau. Mit leicht verkniffenem Hundegesicht und melancholischem Blick hatte ihn Thomas Theodor Heine 1921 festgehalten und damit offenbar viele Sammlerseelen gerührt. Auf nur 20.000 bis 30.000 Euro war das Werk taxiert worden, erst bei 287.500 Euro erhielt eine deutsche Privatsammlung den Zuschlag.

Überraschung auch in der Auktion für Photographie

Doch damit nicht genug. In der darauffolgenden Auktion für Moderne und Zeitgenössische Photographie ging es gleich weiter. Hier wurde Auktionsgeschichte geschrieben. Ein Photogramm von László Moholy-Nagy von 1923/1925 aus seiner Zeit am Bauhaus in Weimar ging für sagenhafte 487.500 Euro an eine Privatsammlung in den USA – als die teuerste jemals in Deutschland versteigerte Fotografie. Für die Fotografieabteilung, bei der die Ergebnisse immer am unberechenbarsten sind, ist das ein Riesenerfolg. „Das Photogramm von Moholy-Nagy gehört in die Bauhaus-Phase“, kommentiert Florian Illies, einer der geschäftsführenden Gesellschafter der Villa Grisebach, das Ergebnis. „Und das passt, wie die Frühjahrsauktionen zeigen, bestens in das, wofür Grisebach mittlerweile steht: große deutsche Kunst aus zwei Jahrhunderten von Caspar David Friedrich über Menzel, Beckmann, die klassische Moderne und das Bauhaus bis hin zu Kiefer, Uecker und Tillmans.“

Höhepunkt der Versteigerungen einer Saison und gesellschaftliches Ereignis zugleich ist jedes Mal die Abendauktion mit Ausgewählten Werken. Nachdem dort bereits die farbenprächtige „Kohlgruberstraße“ in Murnau aus dem Jahr 1908 von Gabriele Münter für 575.000 Euro an eine deutsche Privatsammlung gegangen war, folgte mit der Versteigerung eines Beckmann-Gemäldes die Sensation des Abends. Nach etwa vier Minuten war das nur 60 mal 30 Zentimeter große Gemälde von Max Beckmann aus dem Jahr 1942 für über 5,5 Millionen Euro (mit Aufschlag) bei Grisebach an einen Privatsammler aus der Schweiz versteigert worden. Ein Rekordergebnis und zugleich der höchste Preis, der je in Deutschland bei einer Kunstauktion erzielt wurde.

Damit übertrumpfte sich das Auktionshaus selbst, das mit „Anni“, ebenfalls einem Frauenbildnis von Beckmann, 2005 schon einmal das bis dahin teuerste Werk in Deutschland zum Verkauf gebracht hatte. Eine große Anzahl von Bietern buhlte in 100.000-Euro-Schritten um den Zuschlag für das Gemälde mit dem prosaischen Titel „Weiblicher Kopf in Blau und Grau (Die Ägypterin)“. Lässt sich so ein Erfolg vorhersehen? „Wir hatten große Resonanz auf unsere Broschüre über das Bild und auf die Vorbesichtigungen“, sagt Florian Illies. „Außerdem hatten sich 13 Telefonanbieter angemeldet, und das ist bei einem Werk zu einem Schätzwert von über einer Millionen Euro die Ausnahme.“

In diesem Fall zu einem Spitzenpreis. Offenbar hatte das Bildnis der dunkelhaarigen Frau den Nerv vieler Sammler getroffen. Beckmann hatte es in schwersten Zeiten des Exils gemalt. Wer die geheimnisvolle Schönheit war, ist nicht bekannt. Besucher, die das Bild im Atelier sahen, nannten sie die „Ägypterin“. Beckmann selbst behauptete, sie sei ihm im Traum erschienen. Das Bild stammt aus dem Nachlass von Barbara Göpel, einer engen Freundin des Malers. Ihr Mann, der Beckmann-Experte Erhard Göpel, der das Bild 1942 vom Künstler direkt aus dem Atelier kaufte, war eine zwiespältige Figur. Einerseits half er vielen jüdischen Künstlern, sich und ihre Werke zu retten. Gleichzeitig hatte er den Auftrag erhalten, auf dem niederländischen Kunstmarkt Bilder für das in Linz geplante „Führermuseum“ einzukaufen. Die „Ägypterin“ sollte nicht dazu gehören. Hinter Beckmanns Bild steht also eine bewegte Geschichte, fast so dunkel und geheimnisvoll wie der Blick der „Ägypterin“.