Kultur

Ambitionsloser „Tanz auf dem Vulkan“

Mit dem Auftragswerk enttäuschen die Philharmoniker

Simon Rattle und seine Philharmoniker lassen hier auch Laien sehr plastisch den Unterschied nachvollziehen zwischen ambitionierter und ambitionsloser moderner Musik. Letztere erklingt in der Philharmonie gleich zu Beginn. Das Orchester betritt das Podium und fängt schon mal einige jazzige Walking Basses an – Simon Rattle kommt erst zu diesen Klängen herein: Dass die Jazz-Rhythmen und das eigentliche Stück „Tanz auf dem Vulkan“ des Münchner Komponisten Jörg Widmann zusammengehören, erschließt sich rein aus der Musik dann keineswegs. Die Philharmoniker dürfen in dem siebenminütigen Werk, das sie für Rattle­s Abschiedsjahr bei Widmann in Auftrag gegeben haben, ordentlich Lärm machen und virtuosen Spaß haben – jenseits der griffigen Gegenwärtigkeit des Orchesterklangs hat das Stück nichts gedanklich Nachhaltiges zu bieten. Doch ohne etwaigen Zusammenhang können auch die aufregendsten Klänge kein Pu­blikum auf die Stuhlkante zwingen. Rattl­e verlässt unter Johlen und Pfeifen zum wiederum abschließenden (und im Rückblick bedeutungslos gebliebenen) Walking Bass die Bühne. Von Widmanns Musik wird nur dieser eine Effekt in Erinnerung bleiben – ein Auftragswerk ohne inneres Bedürfnis.

Ganz anders die Dritte Sinfonie von Witold Lutosławski von 1983, die schon mehrmals auch bei den Philharmonikern erklang. Der große polnische Komponist setzt klare, ja klassische Pfeiler mit Wiederholung und Fortspinnung in seine Musik ein. Lutosławskis Klarheit der Gedanken und dass er seine orchestralen Effekte genau voraushört, ist nach dem Geschmack Simon Rattles. Die Philharmoniker können hier unerhörte Dinge beweisen. Die Klangfläche der Klarinetten und Hörner zu Beginn funkelt in jeder Millisekunde anders. Ob hier bereits die von Lutosławski angekündigte „Zufallsmusik“ zum Einsatz kommt, ist rein vom Hören nicht nachzuvollziehen und auch unerheblich.

Die Partitur der Ersten Sinfonie von Brahms am Schluss biegt sich unter dem leidenschaftlichen Einsatz der Berliner Philharmoniker. Ganz ihrer Tradition gemäß behandeln besonders die Bläser ihre Parts als solistische Stimmen, erste und zweite Oboe, erstes und zweites Horn müssen niemals soldatisch gleich klingen. Alles atmet und klingt frei.

Rattle hat sich namentlich mit diesem deutschen Kernstück des Philharmoniker-Repertoires in 16 Jahren an das traditionsbewusste Orchester herangearbeitet. Man hört noch einmal das beglückende Ergebnis dieser kräftezehrenden Arbeit.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.