Kultur

Sanfte Melancholie und kindlicher Humor

Pianist Lucas Debargue spielt im Pierre Boulez Saal mit feinem Gespür für Atmosphäre und Klangfarben

Bei Lucas Debargues Auftritt in der Philharmonie Ende November hatte ich lange gerätselt: Was mag er da wohl als Zugabe gespielt haben, direkt nach Ravels G-Dur-Klavierkonzert mit dem Russischen Nationalorchester? Vielleicht etwas Selbstkomponiertes? Es war ein bezauberndes Stückchen in a-Moll, halb Spieluhrenmusik, halb Salonpoesie. Mit simplen und doch elegant anmutenden Dreiklangsrückungen zu Beginn, von a-Moll über g-Moll nach fis-Moll.

Und nun, im Pierre Boulez Saal, spielt Debargue dieses a-Moll-Stückchen erneut als Zugabe. Doch diesmal nicht ohne vorher den Titel laut und deutlich anzusagen: „Nostalgie du pays“ von Milosz Magin, einem polnischen Komponisten und Pianisten, der noch keine 20 Jahre tot ist. Debargue präsentiert diese Miniatur einmal mehr in sanfte Melancholie und kindlichen Humor gehüllt – und macht dabei fast vergessen, dass es kurz zuvor noch heftig gerauscht und geknallt hatte. Bei Szymanowskis 2. Klaviersonate op. 21 nämlich, einem überbordenden Werk der Super-Spätromantik aus dem Jahre 1911. Ein Werk, das ebenfalls aus der Feder eines polnischen Komponisten-Pianisten stammt. Und das merkt man.

Denn was Szymanowski hier dem Interpreten an technischen Schwierigkeiten zumutet, lässt sich ohne Übertreibung als „höllisch“ beschreiben. Debargue selbst hat diese Sonate in einem Interview sogar als „schwerstes Werk der Welt“ bezeichnet. Trotzdem: Wenn der 27-jährige Franzose es spielt, mit so viel Herzblut, dann ist diese Sonate zumindest für den Hörer alles andere als schwer. Im Gegenteil – sie mutet außerordentlich kurzweilig an, inklusive spektakulär brausender Schlussfuge.

Passenderweise wartet Debargue auch noch mit Frédéric Chopin auf. Hier aber hinterlässt Debargue gemischte Gefühle: Detailverliebt und gewollt kompliziert wirkt die Barcarolle op. 60, eher flüchtig als feurig das h-Moll-Scherzo op. 20. Chopins As-Dur-Polonaise op. 53 indes gelingt ihm bestens. Und das vielleicht gerade, weil er sie kurzent­schlossen als Zugabe zur ersten Konzerthälfte liefert. Im offiziellen Teil gehen manchmal freilich die Pferde mit ihm durch – zum Beispiel im letzten Satz von Schuberts a-Moll-Sonate D 784, den er in Hals-über-Kopf-Manier absolviert. Es ist ein sehr frei gestalteter, von Grund auf neu gedachter Schubert, der in diesem ersten Satz aber durchaus überzeugt. Weil Debargue hier nämlich jene große Stärke ausspielt, die ihn 2015 bis ins Finale des Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerbs gebracht hat: sein feines Gespür für Atmosphäre und Klangfarben.