Kultur

Grüße aus der Gruft

Mit einem dreiteiligen Abend verabschiedet sich Staatsballett-Intendant Nacho Duato von Berlin

Wie unterschiedlich Enden sind. Mit Gold und Glitter ließ sich Intendantenfürst Vladimir Malakhov von seinen Fans feiern, als ihn die Politik 2014 nach zehn Amtsjahren schasste. Nacho Duato, der nach nur vier Jahren beim Staatsballett seinen Hut nimmt, ebenfalls auf Betreiben der Berliner Kulturpolitik, präferiert die Geste des Melancholikers – und sendet an seinem Abschiedsabend Grüße aus der Gruft. Fahle Finsternis beherrscht die Bühne der Komischen Oper beim Dreiteiler „Doda | Goecke | Duato“. Nur in Duatos Kreation „Por vos muero“ – wieder keine Neuschöpfung fürs Staatsballett, sondern eine Ausgrabung aus dem Jahr 1996 – kommt gedeckte Farbe ins Spiel: dekorativ-rotsamtene Vorhänge und Renaissance-artige Kleider in dunklen Blau-, Lila- oder Brauntönen.

Eine Trauerfeier also, mit sprechendem Titel: „Für dich sterbe ich“, „Por vos muero“. Duato ehrt Spaniens „Siglo de Oro“, ein goldenes Jahrhundert der Kulturblüte, zu Musik aus dem 15. und 16. Jahrhundert und den Gedichten von Garcilaso de la Vega über eine bis ins Grab unerfüllte Liebe. Mit Verve werfen sich zwölf Tänzerinnen und Tänzer in die schwungvollen, girlandenhaft exaltierten Bewegungen. Rasant ist das Tempo, gelegentlich führt Duato die Choreografie gar über das Ende des Musikstücks hinaus: Da wird eine Tänzerin im letzten Takt über den Boden geschleift, um, noch halb rutschend, zwischen zwei apart hochgereckten Männerbeinen zum Liegen zu kommen, den Kopf kokett aufgestützt. Applaus.

Spanischen Tanz als vielgestaltiges Ritual möchte Duato würdigen. Anklänge an Folkloristisches sind zu sehen, an höfische Festlichkeiten oder kirchliche Zeremonien – mit echten Weihrauchfässern! –, an Bestattungen, Kinderspiel oder Galanterien. Was aber bei aller Vitalität und Vielfalt fehlt, ist der Eindruck emotionaler Tiefe. Tourismustauglich wirkt diese Folge mitteleuropäischer Klischeebilder von spanischer Lebensart. Enttäuschend, wenn auch temperamentvoll interpretiert.

Engagiert wirkt auch der zehnköpfige Cast in der Uraufführung des Duato-Intimus Gentian Doda. Ehemals Tänzer in Duatos Compañía Nacional de Danza, ist er am Staatsballett als Ballettmeister angestellt, firmiert im Programmheft aber als Choreograf – die Karriere nach dem verfrühten Ende in Berlin will befördert sein. „Was bleibt“, fragt Doda denn auch programmatisch.

Ein moderner Tanzabend mit yogaartigen Ausfallschritten

Geschmackvoll düster ausgeleuchtet, gestalten elastische Bänder den Raum – Graphic Design als Bühnenbild (Yoko Seyama). Zu Elektrosounds von Joaquín Segade sieht man das grauweiß gekleidete Ensemble in mal druckvollen, mal somnambulen Bewegungsfolgen. Yogaartige Ausfallschritte, abruptes Zucken sowie ausgiebige Bodensequenzen machen klar, dass „Doda | Goecke | Duato“ ein moderner Tanzabend ist, weit entrückt vom klassischen Ballett.

Atmosphärisch ansprechend sind die anfänglichen Szenen, in denen die Gruppe als ein Kollektivorganismus atmet, wie unter Wasser hin und her wogt oder einen Abtrünnigen mit zäher Viskosität wieder in die Formation zurücksaugt. Banal hingegen das Folgende: Marschieren in Trippelschritten, Paare im Faustkampf oder in der Liebesverschlingung – am Ende ein vereinzelt vor sich hin ruckendes Verenden.

Marco Goeckes Ode an einen mondsüchtigen Weißclown verlangt im Anschluss Virtuosität. Genähert hat sich Goecke dem Zyklus „Pierrot Lunaire“ 2010 mit seinen Signatur-Bewegungen, den hypernervös zuckenden Armen, Händen und Beinen und dem in Bauhaus-artige Linien aufgebrochenen oder aus den Brustmuskeln gekrümmten (Ober-)Körper. Komponist Arnold Schönberg war 1912 inspiriert von den fantastisch-grotesken Liebes- und Gewaltgedichten Albert Girauds, und auch Goeckes Interpretation ist avantgardistisch ambitioniert. Nicht jeder Einfall sitzt – zu den Zeilen „Steig, o Mutter aller Schmerzen, auf den Altar meiner Verse! Blut aus deinen magren Brüsten hat des Schwertes Wut vergossen“ lässt Goecke beim Wort „Brüste“ zwei weiße Luftballons zerplatzen –, aber es ist eine künstlerische Dringlichkeit zu spüren, ein Wille zur Abstraktion in strenger Form, die über den bloß bizarren Effekt hinausgeht.

Was bleibt von diesem Abend, neben der Trauergeste? Der Eindruck eines zunehmend egalitären Ensembles, das nach Duatos Intendanz in einer Vielzahl von Tanzsprachen bewandert ist. Kein Spitzenschuh weit und breit, aber derzeit auch kein öffentlicher Compagnie-Protest gegen diese Entwicklung. Dem neuen Leitungsduo – der Berliner Choreografin Sasha Waltz und dem Ex-Tänzer und Ballettintendanten Johannes Öhman, hat Duato den Weg bereitet. Auf der Bühne allerdings wird von ihm, der sich an seinem Abschiedsabend zweimal knapp mit verneigte, keine Spur bleiben. Seine Choreografien werden einkassiert.

Staatsballett in der Komischen Oper, Behrenstr. 55–56, Mitte. Tel. 206 09 26 30
Termine: 1., 8., 18. und 25.6.; 4.7.