Kultur

Die Scheinheiligen

Brit Bennett erzählt in ihrem Debüt über eine junge Frau, eine ungewollte Schwangerschaft und eine Kirchengemeinde, die alles kommentiert

Nadia Turner ist 17 Jahre alt, als sich ihre Mutter in den Kopf schießt. Niemand kann sich erklären, warum sie es getan hat, einen Abschiedsbrief gibt es nicht. Allein da sind Vermutungen, dass sie nicht hatte heiraten wollen, dass sie ein anderes Leben wollte, dass es Nadia war, warum das alles nicht ging. Nadia bleibt mit ihrem Vater, einem Marinesoldaten, allein zurück.

Sie ist ein sehr kluges Mädchen, steht kurz vor dem Schulabschluss, will unbedingt aufs College gehen, so hat es sich ihre Mutter für sie, und eigentlich für sich selbst immer gewünscht. Wie bitter, dass es gerade Nadia passiert, dass sie sich in all ihrer Verwundbarkeit verliebt, nicht aufpasst, schwanger wird. Ausgerechnet der Sohn des Pastors ist der Vater, Luke, der von einer Karriere als Footballspieler träumte, verletzt, später sogar verkrüppelt wird. Es kann für Nadia keinen Zweifel geben, was sie tun wird. Sie treibt ab, Luke bezahlt, aber lässt sie am Tag des Eingriffs jämmerlich im Stich. Es ist ein Trauma für alle Beteiligten und ein Skandal für die Gemeinde, wie sich herausstellen wird.

„Die Mütter“ in dem gleichnamigen, hoch gelobten Debütroman der Amerikanerin Brit Bennett sind eine Art Chor dieser kalifornischen Gemeinschaft, der irgendwann alles weiß, alles erlebt hat, alles kommentiert und den Kindern auf gute wie auf schlechte Weise den Weg weisen will. Es sind die alten Frauen der Kirchengruppe, die die veralteten Moralanschauungen am Leben halten und dabei gleichzeitig ebenso Güte, Gemeinschaft und Wärme verbreiten und Menschen zu verurteilen bereit sind. „Die Mütter“ haben gemeinsam Nadias Mutter kurz vor dem Selbstmord noch gesehen, sind nicht eingeschritten und verstehen nichts: „Der schwere Tod war uns nicht fremd, aber der Unterschied war, dass Elise Turner sich den ihren selbst gewählt hatte. Keine Handvoll Pillen für den extralangen Schlaf, kein laufender Motor in einer geschlossenen Garage, sondern eine Kugel in den Kopf.“ Diese Frauen werden Lukes Mutter, die „First Lady“ der Gemeinde, später dafür verurteilen, dass das Geld für die Abtreibung von ihr gekommen ist.

Bennett, selbst erst 26 Jahre alt, hat mit 17 Jahren angefangen, den Roman zu schreiben, und hat viele eigene Erfahrungen einfließen lassen, auch wenn die Geschichte keineswegs autobiografisch ist. Allerdings kennt sie das Leben in einer kalifornischen schwarzen Gemeinde und weiß, wie merkwürdig der Wechsel in eine nicht nur klimatisch kältere, sehr weiße Collegeumgebung ist, einen Weg, den auch Nadia geht. Bennett selbst hat in Standord studiert, auch Nadia lässt sie nach Michigan ziehen, wo „weiße Kommilitonen die kulturelle Vielfalt ihrer Uni feiern“, was nur „Rassismus in seiner verschlagenen Form“ bedeutet, der schlimmer als der offene sei, „weil er einen irremachte“. So muss in Begleitung von weißen Mädchen immer Nadia auf der matschigen Seite des Weges gehen, und ein Junge brüllt ihr hinterher, „für eine Schwarze sei sie hübsch“.

Ist Bennett selbst allem Anschein nach in einer intakten Familie aufgewachsen, lässt sie in ihrem Roman die Frauen reihum an ihrer Mutterrolle scheitern. Da ist der Selbstmord von Nadias Mutter, den die Tochter nicht verurteilen will, und doch wird ihre ganze Existenz dadurch infrage gestellt. Da ist die Abtreibung, die Nadia ebenso wie Luke noch lange umtreiben wird, wobei die politische Bewegung in den USA gegen Abtreibungen als reine Inszenierung von verrückten Weißen beschrieben wird. Da ist Nadias Freundin Aubrey, deren Mutter ihre Kinder ihren Männergeschichten geopfert hat, bei denen es auch um sexuellen Missbrauch geht. Die Töchter suchen ihre verlorenen Mütter, gestalten das eigene Leben immer in Relation zu ihnen.

Nadia wird noch mehrmals in ihre Heimat zurückkehren, wird auf Luke treffen, wird ihn sogar noch einmal lieben, auch wenn der, wie alle Männer in diesem Roman, nicht wirklich schlecht, aber ein blasser Charakter bleiben wird. Die Kirchengemeinschaft zerbricht am Ende an ihrer eigenen Doppelmoral und dem Skandal. „Die Mütter“ aber treffen sich weiter und beten für ihn.