Am Sonntag fällt der letzte Vorhang in den Kudamm-Bühnen. Ein Rückblick auf die wechselhafte Geschichte

Mischung aus Salon und Theater

Enttäuschung herrscht und Abschiedsstimmung: Nach fast 100 Jahren fällt am Sonntag der letzte Vorhang in den Berliner Traditionsbühnen am Kurfürstendamm. Die Boulevardbühnen müssen dem Neubau eines Shoppingcenters weichen. Während der Bauphase geht es erst einmal in die Ausweichspielstätte Schiller Theater. In vier Jahren will man zurückkehren an den Kudamm in ein neu errichtetes Theater mit neuem Ambiente. Wie auch immer: Am Sonntag endet eine Theater-Ära – und für die Zukunft gibt es viele Fragezeichen.

Jede Tradition sucht nach ihrem Anfang, allein schon um sich zu vergewissern, was es zu bewahren gilt. Das Theater am Kurfürstendamm ist am 8. Oktober 1921 mit Kurt Goetz’ Komödie „Ingeborg“ eröffnet worden. In der Dreiecksgeschichte agiert eine Frau zwischen zwei Männern. Adele Sandrock spielte die schrullige, trinkfeste Tante Ottilie mit ihren Lebensweisheiten. Emanzipation und Lebenslust steht im Berlin der 1920er-Jahre hoch im Kurs, zumal die in Gewalt geborene Weimarer Republik gerade ihren wenigen goldenen Jahren entgegensieht.

Bei der Eröffnung wurde vor allem der Architekt bejubelt

Was Theatereröffnungen angeht, wird rückblickend gern vieles verklärt. Aber im Fall „Ingeborg“ am Kudamm ist die Lage eindeutig. Der spitzfindige Theaterkritiker Alfred Kerr schrieb im „Berliner Tageblatt“ über die Premiere: „Wen riefen die Leute zum Schluss? Den Autor? Vielleicht. Die Darsteller? Möglich. Den Direktor? Kann sein. Den Regisseur? Denkbar ... Mit voller Sicherheit riefen sie: ,Kaufmann: Kaufmann!‘ Das ist der Architekt.“ Über die verspielte Exklusivität des neuen Hauses für gehobene Unterhaltung ist man sich einig. Auch als drei Jahre später nebenan die kleinere Komödie eröffnet. Das Geheimnis der neuen Kaufmann-Säle ist wohl, dass sie die Nähe zum Publikum ermöglichen. Es ist eine Mischung aus bürgerlichem Salon und Theaterbetrieb. Man kann sich zeigen und Spaß haben. Ab 1927 werden vor allem Revuen aufgeführt.

Architekt Oskar Kaufmann, der aus einer ungarisch-jüdischen Familie stammte, hat in Berlin eine Reihe von Theaterbauten geschaffen: das Hebbeltheater, die Volksbühne, die Krolloper, das Renaissance-Theater und eben die Kudamm-Bühnen. Mit dem Kritiker
Alfred Kerr, der ein gebürtiger Breslauer Jude war, verband ihn später, dass sie beide 1933 aus Deutschland emigrierten. Kerr vollzog eine Odyssee nach London. Kaufmann ließ sich in Tels Aviv nieder und errichtete dort etwa im Stadtzen­trum den Urbau für das heutige Habima-Nationaltheater. Später kehrte er nach Budapest zurück.

Mit dem Machtantritt der Nazis war die gewachsene deutsch-jüdische Theatertradition am Kurfürstendamm nicht sofort gebrochen. Hier kommt auch die Wölffer-Familie, die über drei Generationen bis heute die Tradition prägt, ins Spiel. Großvater Hans Wölffer, von Hause aus ein Musiker, wird 1933 Direktor von Theater und Komödie. Als Mann des Übergangs bietet er sich den Nazis als loyaler Theaterleiter an, sucht aber zugleich nach Schlupflöchern, um das beste künstlerische Angebot zu machen. Dazu gehört auch, dass er im September 1934 für Ralph Benatzkys „Das kleine Café“ den dänisch-jüdischen Schauspieler Max Hansen für die Hauptrolle verpflichtet. Der anwesende Benatzky hat die Folgen in seinem Tagebuch festgehalten. Propagandachef Joseph Goebbels verbot Hansens Auftritt und ordnete eine Aufführung mit neuer Besetzung an.

Die Kudamm-Bühnen werden zum Mitläufer. Wölffer erhält von Goebbels, der häufig Vorstellungen besucht, gewisse Freiräume. Der zuständige ministeriale Oberzensor Sigmund Graf, ein ehemaliger Frontsoldat und Stückeschreiber, wird unter dem Pseudonym Wolfgang Hansen erfolgreicher Autor am Kudamm. Aber all das Lavieren nützt nichts. 1942 erfolgt die Verstaatlichung der bis dahin privaten Bühnen, im Jahr darauf werden die Theater im Bombenhagel beschädigt.

Kriegszerstörung und Wiederaufbau, fortlaufende Modernisierungen und nicht zuletzt die grundlegenden Umbauten der 1970er-Jahre gehören zu den von der Politik genannten Gründen, warum sich die beiden Kudamm-Bühnen nicht auf der schützenden Berliner Denkmalsliste befinden. Architekt Oskar Kaufmann ist dort heute mit neun Objekten vertreten. Seine Kudamm-Bühnen haben die Zeiten nicht überlebt.

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