Nachruf

Philip Roth war ein  Monolith  der  modernen  Literatur

Philip Roth ist mit 85 Jahren gestorben. Er schrieb eigentlich nur über sich – über sein Leben als Jude, Amerikaner und Schriftsteller.

Philip Roth im September 2010 in New York

Philip Roth im September 2010 in New York

Foto: ERIC THAYER / REUTERS

New York. Man muss es als die größtmögliche Ironie betrachten, dass Philip Roth ausgerechnet in dem Jahr gestorben ist, in dem der Literaturnobelpreis nicht vergeben wird. War er nicht immer wieder im Gespräch für diese höchste aller literarischen Ehren gewesen, aber immer nur als derjenige, den die Stockholmer Jury schmählich überging?

In der Affäre um sexuelle Belästigung und Vorteilsnahme, die das Gremium zuletzt erschütterte, muss man dringend eine Lächerlichkeit sehen, eine Schande. Für Philip-Roth-Fans und Nathan-Zuckerman-Lobbyisten, und derer gab es in den vergangenen Jahrzehnten nicht wenige, mochte auch die Ignoranz der Schwedischen Akademie gegenüber diesem amerikanischen Romancier stets eine Schande gewesen sein. Andererseits war die Wiederkehr des Gleichen, die sich dann einstellte, wenn der Ständige Sekretär vor die Weltpresse trat und wieder nicht den Namen Philip Roth sagte, der beste Treppenwitz überhaupt.

Ob nobilitiert oder nicht: Philip Roth war ein Monolith der modernen Literatur. Er verstand es wie nur wenige, seine persönlichen Erfahrungen, die Ursuppe seiner Sippe und das Amerika seiner Zeit zu einem wenn nicht allgemeingültigen, so doch allgemein zugänglichen Stoff zu amalgamieren.

Er wuchs als Kind jüdischer Einwanderer auf

Geboren wurde Roth 1933 in Newark als zweiter Sohn von jüdischen Einwanderern. Er wuchs in einfachen Verhältnissen im Arbeiterviertel Weequahic auf. Verhältnisse, über die er in etlichen seiner Romane schrieb, zum Beispiel in „Nemesis“, seinem letzten, im Jahr 2010 erschienenen Roman, in dem einer von Roths unvergesslichen Helden auftrat, der junge Bucky Cantor, der das Glück (oder das Pech) hat, nicht in den Krieg zu müssen, dann aber schwer an Polio erkrankt. Das Pflichtbewusstsein gegenüber seinem Land münzt er um in ein Pflicht­bewusstsein seinen Schülern gegenüber, die allesamt von der Epidemie bedroht sind und die er nicht retten kann: Was folgt, ist ein Ringen mit Gott und der Schuld.

Das Ringen mit sich und den eigenen Prägungen ist das Zentralmotiv in Philip Roths erzählerischem Werk, das sich am Ende seiner Schreibkarriere auf fast drei Dutzend Bücher belief. Mehr als ein Kritiker stellte fest, dass Roth in seinen Romanen eigentlich immer nur über sich schrieb, über sein Leben als Jude, Amerikaner und Schriftsteller. Sein Alter ego Nathan Zuckerman darf als eine der berühmtesten Figuren der amerikanischen Literatur gelten. Erstmals trat er als mehr oder weniger graduelle Verfremdung seines Erfinders in dem 1974 erschienenen Roman „Mein Leben als Mann“ auf, der von Roths katastrophaler erster Ehe handelte. Autobiografische Züge hatte jedoch auch „Portnoys Beschwerden“, jener köstliche und kolossale Durchbruchsroman, der 1969 in unerhörter Weise Geilheit und Jüdischsein behandelte.

Damals wurde man wegen solch eines offen von Sexualität handelnden Textes noch mit dem Pornographie-Vorwurf bedacht – glückliche Zeiten für Künstler, die sich erst einen Namen machen müssen. Was untrennbar mit dem Motiv der Sexualität einherging, war der Freud-Komplex, den Roth genüsslich in seinem Werk auslebte. Der Narzissmus und das Wissen um die Gesetze der Psychologie trieben den Autor fortan zu literarischen Höchstleistungen. Seine großen Romane – vor allem „Amerikanisches Idyll“ (1997), „Mein Mann, der Kommunist“ (1998) und „Der menschliche Makel“ (2000) –, mit denen er zum Chronisten des modernen Amerika wurde, erschienen in rascher Folge. In ihnen allen schien der melancholische und ironische Habitus ihres Autors auf.

Ein Nobelpreis fehlt ihm noch

Die geständnishafte Mitteilsamkeit Roths suchte sich ihr Ventil nicht nur in den Romanen, sondern auch in den dezidiert autobiografischen Büchern, die kaum („Die Tatsachen. Autobiographie eines Schriftstellers“, 1988) oder fast gar nicht verhüllt („Mein Leben als Sohn“, 1991) – lange vor Knausgard’schen Ego-Exzessen – auf liebevolle oder exhibitionistisch anmutende Weise von den Herausforderungen und Zumutungen des Ehe- und Familien­lebens berichteten.

Bis auf den Nobelpreis gewann Roth, der nie Kinder hatte, so ziemlich alle wichtigen Literaturpreise, nicht nur in Amerika. Es war nur konsequent, dass ein Großschriftsteller wie er nicht nur aufhörte zu veröffentlichen oder zu schreiben, sondern dass er quasi seinen Rücktritt erklärte. 2012 war das, und Roth erklärte der Öffentlichkeit, er wolle nun nicht mehr schreiben. Er habe sich die Losung „Der Kampf mit dem Schreiben ist vorbei“ auf einen gelben Zettel geschrieben und auf seinen Computer geklebt. Alles hat seine Zeit.

Dass er geliebt wurde, zeigen die Reaktionen besonders aus Amerika. Der Schriftsteller Gary Shteyngart schrieb sehr zu Recht bei Twitter: „Es gibt keinen wie ihn, jetzt oder jemals.“ Philip Roth, der Unvergleichliche, starb am Dienstagabend mit 85 Jahren in einem Krankenhaus in Manhattan an Herzversagen.

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