Kultur

„Wir Menschen brauchen Utopien“

Thomas Quasthoff ist zurück. Der Bariton stellt nach acht Jahren sein neues Jazzalbum vor

Der Bariton beim Echo 2018.

Der Bariton beim Echo 2018.

Foto: Picture Alliance

Der Titel von Thomas Quasthoffs drittem Jazzalbum sagt schon alles: Auf „Nice ’N’ Easy“ verströmt der 58-jährige Wahlberliner entspannt-abgehangenen Wohlklang zwischen Jazz, Swing und Pop. Zusammen mit der Bigband des NDR, seinem aus Frank Chastenier (Piano), Dieter Ilg (Bass) und Wolfgang Haffner (Schlagzeug) bestehenden sowie in einigen Stücken von Trompeter Till Brönner verstärkten Trio, widmet sich der Bassbariton Klassikern wie „Stardust“, „Cry Me A River“ oder „Imagine“. Wir sprachen mit einem bestens gelaunten Thomas Quasthoff auf seinem Balkon in einer Villensiedlung am Berliner Schlachtensee. Sechs Jahre nach seinem Rückzug von den klassischen Konzertbühnen trafen wir auf einen Menschen, der nach allen Schmerzen und Rückschlägen sein Leben zu genießen weiß.

„Nice ’N’ Easy“ heißt Ihr neues Album. Ist der Titel Programm?

Thomas Quasthoff: Hundertprozentig. Die Stimmung, die das Album abbildet, ist eine wunderbar unbeschwerte und gelöste. Mir war wichtig, dass die Platte wirklich nach Jazz klingt und nicht nach Crossover. Sie sollte grooven, und ich finde, das tut sie.

Ist es für Sie eine große Umstellung, Jazz anstatt Klassik zu singen?

Nein. Man hat als Sänger ein Gefühl dafür, wie es klingen sollte. Unabhängig vom Genre.

Sie haben 2006 Ihr erstes Jazzalbum veröffentlicht, 2010 das zweite und jetzt „Nice ’N’ Easy“. Woher kommt Ihre Liebe zum Jazz?

Von meinem Bruder Michael. Der war zwei Jahre älter als ich und in seinem Geschmack auch immer zwei Jahre weiter. Ich hatte seit meinem 13. Lebensjahr klassischen Gesangsunterricht, meine Eltern haben mich sehr gefördert und unterstützt, und ich hörte eigentlich alles. Als mein Bruder Jazz entdeckte, fand ich das direkt cool. Charlie Parker, John Coltrane – ich habe richtig Hardcorejazz gehört.

Sie singen Klassiker wie „Cry Me A River“ oder „Some Enchanted Evening“. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?

Rein nach Geschmack. Ich habe alle diese Stücke sehr gern. Und noch viele weitere. Wir können locker noch so eine CD machen.

Sie singen auch John Lennons „Imagine“, das ein bisschen aus dem übrigen Programm heraussticht.

Das stimmt. „Imagine“ ist das einzige Stück auf der Platte, das ich schon oft gesungen habe. Ich liebe das Stück so, ich finde es unglaublich toll. Überhaupt, die Beatles. Wir hatten zu Hause so eine Musiktruhe mit zehn Singles zum Wechseln drin, darunter war auch oft was von den Beatles. Meine Mutter ging einkaufen, und wenn sie zurückkam, dann konnte ich alle zehn Songs auswendig singen. Ich habe mir Lieder immer nur auditiv, also mit den Ohren, eingeprägt. Das kommt mir bis heute zugute. Neue Songs lerne ich wahnsinnig schnell.

„Imagine“ ist ein Friedensappell.

Auch deshalb habe ich das Lied mit auf die Platte genommen. Kitschnummer hin oder her, das Lied berührt die Leute überall auf der Welt. Wir Menschen brauchen Utopien und Hoffnung. Dieses Säbelrasseln von Trump, Putin und anderen, das hilft nicht weiter. Politik sollte immer deeskalierend sein.

Sie konnten überhaupt nichts anderes werden als Sänger?

Seriös muss man klar sagen: Wenn Sie so eine schwere Behinderung haben wie ich, dann liegt dieser Beruf nicht unbedingt offen auf dem Tisch. Musik hat ja doch relativ viel mit einer oberflächlichen Ästhetik zu tun, und ich glaube schon, dass eine Helene Fischer auch deshalb so viel Erfolg hat, weil sie ganz hübsch anzusehen ist.

Die macht doch ganz andere Musik als Sie.

Trotzdem. Ich glaube auch, dass ein Till Brönner mehr CDs verkauft, weil er so aussieht, wie er aussieht. Ich gönne ihm das freilich von Herzen, Till ist ein feiner Bengel.

Er würde jetzt bei den Äußerlichkeiten vermutlich protestieren.

Na ja, wollen wir ehrlich sein: Er kokettiert auch mit seinem Aussehen. Ist auch in Ordnung. Würde ich so aussehen wie er, würde ich vielleicht auch damit kokettieren. Ist ja nicht schlimm, jedenfalls: Ich musste also überlegen: Kann das überhaupt klappen? Ich merkte, dass die Behinderung wohl doch nicht so eine große Rolle spielte, als ich 1988 den Internationalen Musikwettbewerb der ARD gewann. Letztlich zählt das, was du kannst.

Hat Sie die Behinderung anfangs ehrgeiziger gemacht?

Nee, ich glaube, meine Behinderung hat mit meiner Karriere relativ wenig zu tun. Ich habe innerlich immer gespürt: Ich will singen. Doch wenn du Musik studieren willst, und die Musikhochschule sagt: „Darfst du nicht, weil du kein Instrument spielen kannst“, und du dann das sehr naheliegende Fach Jura anfängst zu studieren, also da empfindest du die Behinderung eher als eine Bremse.

Sechs Semester haben Sie immerhin durchgehalten.

Das war keine sehr gute Zeit in meinem Leben, doch das Gute war, dass ich mich in dieser Phase von zu Hause abgenabelt habe. Ich habe dann sehr regelmäßig privaten Gesangsunterricht genommen und zugesehen, dass ich das Beste aus meinen Möglichkeiten raushole. Der Ellbogentyp war ich aber nie. Okay, ich habe ja auch gar keine (lacht).