Kultur

Eigenheim und Grill für Orpheus und Eurydike

Manos Tsangaris inszeniert seine „Abstract Pieces“ auf der Staatsopern-Probebühne: Jedes Teil wird zum integrativen Bestandteil des Kunstwerks

Die Neue Werkstatt im Intendanz­gebäude der Staatsoper Unter den Linden bringt mit „Abstract Pieces“ von Manos Tsangaris eine Uraufführung
heraus. Im Zuge der Staatsopern-Sanierung wurden auch die Probebühnen renoviert. Die Räume strahlen in königlichem Weiß-Mintgrün, und wenn man technisches Gerät hineinfährt, dann wird dieses im schmucken pseudohistorischen Ambiente auch als technisches Gerät kenntlich. Normalerweise würde man sofort denken: Achtung, Probe. Nicht so in „Abstract Pieces“: Alles Technische wird während der Aufführung möglichst nach außen gekehrt.

Tsangaris braucht offenbar die sehr konkrete Geschichte von Orpheus und Eurydike, um wirkungsvoll „abstrakt“ werden zu können. Den Beziehungsstreit der beiden mythischen Figuren kann er unter die Spannung eines konsequent anti-illusionistischen Theaters stellen, in welchem jeder Taschenlampen-Lichtkegel, jedes Mikrofon zu einem integrativen Bestandteil des Kunstwerks wird. An der konkreten Geschichte reibt sich fruchtbar das vorgeblich „technische“ Geschehen. Zu Beginn sitzt eine „Sie“ – Eurydike – in Gestalt der jungen Sopranistin Marielou Jacquard mitsamt zweier Musiker an jeweils einem kleinen Tisch, geräuschvoll hantierend mit Devotionalien der Orpheus-Sage, etwa einem kleinen Blasinstrument (spielte Orpheus aber nicht eigentlich Lyra?). „Sie“ spricht und singt jedoch nur eine Hälfte des Publikums an. Am gegenüberliegenden Rand der Bühne unterhält ein „Er“ (Martin Gerke) die andere Hälfte mit auf seinen Oberkörper projizierten Bildern. Spieler einer Bassklarinette (Alexander Glücksmann), eines Klaviers (Jenny Kim), eines Synthesizers (Alba Gentili-Tedeschi), einer Bratsche (Emily Yabe) und des Schlagwerks (Evdoxia Filippou) müssen hier wohl mit der Funktion von technischen Theatergeräten gleichgesetzt werden, sie mischen sich unter Leitung von Max Renne sparsam ins Geschehen ein. Nach der Pause wechselt das Publikum die Seiten, der gleiche Ablauf beginnt noch einmal – danach hat dann auch jeder gesehen, dass die Filmchen auf der Brust von „Ihm“ humoristisch das fiktive spießige Eheglück von Orpheus und Eurydike vorzeichnen, mit Eigenheim, Grill und rotem Auto. Abgesehen von der Interpretation des Orpheus-Mythos, bei der manche Frage offenbleibt, wirkt das Ganze eher wie eine festgelegte Installation – und nichts soll in dieser Anordnung verborgen bleiben, deshalb der Seitenwechsel des Publikums.

Die anti-illusionistische Offenlegung und künstlerische Einbeziehung der Bühnentechnik ist im Musiktheater alles andere als neu, und doch beeindrucken die Dichte, Intensität und Vielfalt, mit denen Manos Tsangaris seine Mittel einsetzt. Von einem solchen Virtuosen theatraler Mittel lässt man sich die
Abstraktion gern gefallen – wenn diese „Abstract Pieces“ mit den doch sehr konkreten Erinnerungen an den Orpheus-Mythos denn wirklich so abstrakt sind.

Staatsoper Unter den Linden, Neue Werkstatt, Hinter der Katholischen Kirche 1. Termine: 22., 25., 26., 31. Mai und 2., 3. Juni

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