Kultur

Der Papa kommt mit dem Sarg

Starke Inszenierungen zum Finale des Theatertreffens: Ein wuchtiger „Woyzeck“ und eine verspielte „Odyssee“

Das Theatertreffen biegt in die Zielgerade ein und glänzt am Donnerstag, also kurz vor Schluss, mit zwei starken Inszenierungen: Dem wuchtigen „Woyzeck“ aus Basel, ein Stück Mensch-Maschine-Totaltheater von Ulrich Rasche, und einer wunderbar verspielten „Odyssee“ von Antú Romero Nunes, die am Hamburger Thalia Theater herauskam.

Für Nunes, Jahrgang 1983, ist es die erste, aber eine längst überfällige Einladung zum wichtigsten Festival der deutschsprachigen Bühnenkunst. Der Mann ist ja in Berlin kein Unbekannter, er war Hausregisseur am Maxim Gorki Theater unter der Intendanz von Armin Petras. Und Nunes radikal auf drei Monologe reduzierte „Die Räuber“-Inszenierung wurde seinerzeit mit dem Friedrich-Luft-Preis 2012 der Berliner Morgenpost ausgezeichnet.

„Eine Irrfahrt nach Homer“ lautet der Untertitel seiner „Odyssee“ – und dieser Abend über die Wahrheit von Geschichten und über Freundschaft ist ziemlich komisch und ziemlich großartig. Zwei Männer in dicken Mänteln warten auf die Ankunft eines Sarges. Sie treten abwechselnd auf. Der eine nagelt einen Kranz an die Wand, der andere hängt ihn ab und dafür ein Bild auf: ein Porträt von Odysseus, also eines von Kirk Douglas, der in „Die Fahrten des Odysseus“, einem italienischen Monumentalfilm aus den 50er-Jahren, den Titelhelden verkörperte. Am Anfang wissen die beiden nicht, dass sie Halbbrüder sind. Sie beäugen sich kritisch, reklamieren den „Papa“ für sich. Kommen sich aber im Laufe des Abends zunehmend näher dank der Erinnerungen an den Vater, also den Helden-Berichten, denn erlebt haben sie ihn nicht.

Wir verstehen davon aber nur Versatzstücke wie „Troja“, „Pferd“ oder „Zauberer“, denn gesprochen wird in einer Kunstsprache, die nach einer Mischung aus Dänisch, Holländisch und Schweizerdeutsch klingt. Dem Verständnis aber schadet das überhaupt nicht. Eine Aktion ergibt die nächste, die beiden Spielwütigen, bei denen es sich um Thomas Niehaus als Telegonos und Paul Schröder als Telemachos handelt, brauchen keine vollständigen Sätze. Und erinnern nicht nur mit der Autosuggestionsszene, in der Niehaus sein knochentrockenes Brot so lustvoll verzehrt, dass Schröder seinen leckeren Proviant unbedingt tauschen möchte, an die literarische Vorlage, an den Fintenreichtum Odysseus’. Klar, dass Niehaus auch Tricks vorführt – unter anderem mit Augen, eine Anspielung auf die Blendung des Zyklopen –, schließlich ist die Mutter von Telegonos die legendäre Zauberin Kirke.

Deutlich näher an die literarische Vorlage hält sich Ulrich Rasche in seiner „Woyzeck“-Inszenierung, obwohl es sich um ein Fragment handelt – Georg Büchner, 1813 geboren, erlag mit nur 23 Jahren im Züricher Asyl dem Typhus. Rasche ist auch für seine ausgetüftelten, die Werkstätten herausfordernden Bühnenbilder bekannt – im vergangenen Jahr konnten seine „Räuber“ nicht beim Theatertreffen gezeigt werden, weil es im Haus der Festspiele technisch nicht umgesetzt werden konnte.

Diesmal hat es geklappt, den Raum dominiert eine metallische Scheibe, die auf die Drehbühne montiert ist und fast senkrecht aufgestellt werden kann. Der Absturz ist allgegenwärtig, das passt zur Titelfigur, die so in den Verhältnissen gefangen ist, dass der finale Mord an der Geliebten unabwendbar zu sein scheint. Die Schauspieler sind durch Bänder gesichert, sie sind pausenlos in Bewegung, laufen gegen die Drehung an und sprechen – mitunter chorisch – in den Zuschauerraum hinein. Selten hat man „Woyzeck“ so klar gesehen. Musikalisch wird die Handlung durch eine Liveband vorangetrieben. Einzig die der Theaterkonvention oder der Physis der Künstler geschuldete Pause stören den Rhythmus dieser beeindruckenden Inszenierung des Theaters Basel.