Kultur

Spannung um die Goldene Palme

Heute Abend geht das Filmfestival von Cannes zu Ende. Die Konkurrenz war stark wie lange nicht

Die 71. Filmfestspiele von Cannes liegen noch in den letzten Zügen, da ist der erste viel beachtete Preis schon vergeben. Seit 17 Jahren wird – mit einem Augenzwinkern – in einer inoffiziellen Zeremonie die „Palm Dog“ (in Anlehnung an die Palme d’Or, also den Hauptpreis Goldene Palme) für den besten Filmhund verliehen. Und in diesem Jahr hatte die aus Journalisten bestehende Jury leichtes Spiel: der Palm Dog Award in Form eines Halsbandes ging an das Hunde-Ensemble in „Dogman“. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass dieser Film des Italieners Matteo Garrone auch bei der eigentlichen Wettbewerbsjury um Cate Blanchett Eindruck hinterlassen hat, die am heutigen Sonnabend ihre Preise vergibt, bevor das Festival mit der Weltpremiere von Terry Gilliams lange erwartetem „The Man Who Killed Don Quixote“ zu Ende geht.

Die Preisverleihung wird spannend wie selten

Garrone begibt sich einmal mehr in die von Verbrechen zerrütteten Vororte Neapels, wo der gutherzige Marcello (Marcello Fonte) einen Hundesalon betreibt. Dass dort reger Betrieb herrscht, liegt aber nicht nur an den Vierbeinern, sondern vor allem daran, dass er nebenbei auch Koks verkauft. Damit nicht genug: Einer seiner Stammkunden, der brutale Simone (Edoardo Pesce), zieht ihn immer weiter in kriminelle Abgründe. „Dogman“ ist zwar einer von vielen sehr männlich fokussierten Filmen in diesem Cannes-Wettbewerb, das geht aber schon deshalb klar, weil die beiden Hauptdarsteller kein bisschen weniger beeindrucken als die Hunde. Und wie atmosphärisch Garrone mit Licht und Bildern arbeitet und dabei ein erschütterndes Bild seiner Heimat zeichnet, ist so stark wie zuletzt in seinem „Go­morrha“ vor zehn Jahren.

Noch nachdrücklicher als Palmen-Anwärterin ins Gespräch brachte sich auf den letzten Festivalmetern allerdings die Libanesin Nadine Labaki. In ihrem Film „Capharnaúm“ erzählt sie von dem etwa zwölfjährigen Zain, der aus dem Jugendgefängnis heraus seine Eltern verklagen will – weil sie ihn überhaupt zur Welt gebracht haben. Kein Kind, so findet der Junge und wohl auch die Regisseurin, soll so aufwachsen müssen wie er, dessen Eltern die große Kinderschar oft mit nicht mehr als unhygienischem Wasser und Zucker füttern können. Oder so wie der kleine Yonas, Sohn einer illegal im Libanon lebenden Äthiopierin, der sich eines Tages in Zains Obhut wiederfindet.

Man mag Labaki vorwerfen, dass sie vor allem im Finale ihres Films ein wenig dick aufträgt, doch die emotionale Wucht, die sie entwickelt, suchte im Wettbewerb ihresgleichen. Mit unglaublicher Wahrhaftigkeit und Nähe zeigt sie das Elend der ärmsten Slums, ohne in die Fallen sogenannter Elendspornos zu treten, und schafft es gleichzeitig, trotz der Konzentration auf die Kinderperspektive nie ins Süßliche abzudriften. Die Leistungen, zu denen Labaki ihre Laiendarsteller aller Altersklassen anleitet, sind bemerkenswert – und die Botschaft des Films, der zwar dezidiert vom Libanon, aber eben auch allgemein von Armuts- und Flüchtlingsschicksalen erzählt, könnte nicht relevanter sein.

Sollte Labaki am Abend als erst zweite Frau nach Jane Campion die Goldene Palme gewinnen, wäre das eine verdiente Entscheidung, ganz unabhängig vom Geschlecht.

Die Konkurrenz in diesem insgesamt sehr starken Cannes-Jahrgang ist indes groß. Weit vorne in der internationalen Kritikergunst etwa liegt auch der Koreaner Lee Chang-dong mit „Burning“, einem romantischen Rachethriller nach einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami.

Die Italienerin Alice Rohrwacher mit ihrem folkloristisch-surrealen Märchen „Lazzaro felice“ gehört ebenfalls nach wie vor zu den Favoriten, genauso wie die berührende, zurückgenommene Familiengeschichte „Shoplifters“ des Japaners Hirokazu Koreeda. Und sollte sich die Jury für Spike Lees kurzweiligen, in Zeiten des aufflammenden US-Rechtsnationalismus hochaktuellen „BlacKkKlansman“ erwärmen, wäre der Amerikaner der erste schwarze Regisseur überhaupt, der je in Cannes den Hauptpreis gewonnen hätte. Doch auch „Cold War“ des Polen Pawel Pawlikowski und Jia Zhangkes „Ash Is Purest White“ liegen noch gut im Rennen um die begehrten Preise – nicht zuletzt wenn es darum geht, die beste Darstellerin zu küren.

Vermutlich eher geringe Chancen hat dagegen „Un couteau dans le coeur“ des Franzosen Yann Gonzalez, der ebenfalls noch im Festival-Endspurt ins Geschehen eingriff. Der komödiantisch-erotische Slasherfilm, angesiedelt in der homosexuellen Subkultur der späten 70er-Jahre, brachte zum Ende zwar nochmal eine erfrischend andere Farbgebung. Doch wie leidenschaftlich der in Nizza geborene Lokalmatador Gonzalez in seiner Erzählung über Begehren und sexuelle Unterdrückung mit dem Trash liebäugelt, dürfte nicht jedermanns Geschmack gewesen sein.

Ganz sicher keine Palme mit nach Hause nehmen wird der Deutsche Ulrich Köhler. Nicht weil der erstmals in Cannes vertretene Wahl-Berliner (und Lebensgefährte von Maren Ade) mit „In My Room“ an der Croisette gescheitert wäre. Im Gegenteil: Seine Geschichte über Einsamkeit und Neuanfänge wartet mit einem spannenden Konzept – sein Protagonist ist über Nacht der letzte Mensch auf der Welt – und starken Beobachtungen auf. Nur lief der Film eben nicht im Wettbewerb, sondern nur in der Nebenreihe Un Certain Regard. Auch dort gibt es allerdings Preise zu gewinnen, von einer Jury unter dem Vorsitz des Schauspielers Benicio del Toro.