Kultur

Baltischer Wind und warmer Klang zur Unabhängigkeit

Das Sinfonieorchester Kaunas überzeugt im Kammermusiksaal

Das Sinfonieorchester der litauischen Stadt Kaunas ist in den Kammermusiksaal gekommen. Gefeiert wird nicht nur die Unabhängigkeit Litauens vor 100 Jahren, sondern auch das Auftauchen der zugehörigen Urkunde im Berliner Auswärtigen Amt vergangenes Jahr. Im bunten Programm „Baltischer Wind“ präsentiert das Orchester zunächst Musik von modernen Nationalkomponisten des Landes. Man wird, wenn man Stücke von Balys Dvarionas, Konstantinas Čiurlionis oder Algimantas Raudonikis erstmals hört, nicht gleich die gesamte Musikgeschichte umschreiben wollen. Allerdings fällt die – gemessen an der großen internationalen Komponisten-Konkurrenz um 1900 – sehr vielfältige und fantasievolle Orchesterbehandlung in Čiurlionis’ Sinfonischer Dichtung „Im Walde“ angenehm auf. Er ist ein Komponist, den man sich merken muss und für dessen zahlreiche auch kammermusikalische Werke es in Berlin etliche Aufführungsgelegenheiten gäbe.

Wenn der Auszug aus dem Ballett von Eduardas Balsys „Eglé, die Königin der Grasschlangen“ auf einem Jahrmarkt spielt, so erinnern Sujet und Stil rasch an das motorische Treiben des Jahrmarktvolkes in Strawinskys „Petruschka“. Auch Rimsky-Korsakow und Tschaikowsky lugen durch die litauischen Klänge hindurch – und dennoch hört man eine gehörige Prise schöpferische Autonomie gegenüber dem allbeherrschenden russischen Stil des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Unter der Leitung von Constantine Orbelian spielt das Orchester trotz nicht allzu großer Besetzung mit vollem und süffigem Ton. Ohne vordergründige Effekte erzeugen die Musiker von Anfang an einen warmen Gesamtklang, der, man merkt es namentlich in den Holzbläsern, aus der exquisiten Klangkultur jedes einzelnen Musikers, jeder Musikerin erwächst. In schnellen Stücken wie Aram Khachaturians Walzer und Galopp hätte man sich aber namentlich in den Streichern größere Obacht auf die kleinen Noten und mehr Präzision gewünscht.

Ins klangschöne Gesamtbild fügt sich der mit solidem Stimminstrument und exquisiter Technik singende junge Tenor Merūnas Vitulskis ein – jenseits aller Klischees von der breiten osteuropäischen, alles niederschmetternden Stimme. Mit glitzernden neuromantischen Hits der litauischen Heimat kann Vitulskis Bühnenwirksamkeit unter Beweis stellen – doch er zeigt dann in der Arie „Una furtiva lagrima“ aus Donizettis „Liebestrank“ auch seine stilsichere Italianità und seinen Sinn für weitgespannte sängerische Bögen. Die Zugabe baut das Orchester gleich ins Programm ein, nachdem der Tenor den Opernschlager „Nessun dorma“ aus Puccinis „Turandot“ dargeboten hat: Der letzte Teil der Arie wird effektvoll und mit viel Streichertremolo wiederholt. Abseits von nationaler Folklore kann Merūnas Vitulskis hier beweisen, dass er auch die großen Opernbühnen dieser Welt nicht scheuen muss.