Kultur

Kunst und Gentrifizierung

Die „Fahrbereitschaft“ in Lichtenberg wurde privat als Kunstareal entwickelt. Der Bezirksstadträtin gefällt das nicht

"Mäzenin des produzierenden Gewerbes" steht tatsächlich vorne auf dem Aufdruck der Blaumann-Latzhose der Lichtenberger Bezirksstadträtin Birgit Monteiro (SPD). Sie sitzt damit auf dem Podium, wo sie ihre Karteikarten ordnet. Humor ist gut, denkt man, wenn es um Diskussionen geht wie jetzt im Kultursalon der Stiftung Brandenburger Tor. Doch Monteiro, die die Abteilung Stadtplanung verantwortet, meint es bitterernst. Sie kommt als Retterin des Gewerbes in ihrem Bezirk. Der Blaumann sei offenbar aus ihrer Ausbildungszeit als Landmaschinen- und Traktorenschlosserin übrig geblieben, kommentiert jemand leise im Publikum.

Axel Haubrok droht eine Strafe von 500.000 Euro

Doch worum geht es? Vor fünf Jahren hat das Sammlerehepaar Barbara und Axel Haubrok die "Fahrbereitschaft", unweit des riesigen Dong-Xuan-Centers, in Lichtenberg gekauft. Auf den 18.000 Quadratmetern in der Herzbergstraße 40–43 ist heute ein Kreativareal entstanden, wo Gewerbe und Künstler mit ihren 25 Ateliers zusammenfinden. Hier ließ Honecker einst seine teuren Auslandslimousinen parken. Wenn es nach den Haubroks ginge, würden sie hier sogar noch eine Kunsthalle bauen und finanzieren. Zweimal im Jahr zeigen die Sammler Ausstellungen, nicht nur aus der eigenen Kollektion. Am 26. April, nachmittags, kurz vor Eröffnung des alljährlichen Gallery Weekends, trifft es Axel Haubrok wie ein Blitz, als er die Mail des Stadtentwicklungsamtes Lichtenberg sieht. Bei Fortführung von weiteren "Kunstausstellungen/Galerien" droht ihm eine Ordnungsstrafe von 500.000 Euro. Begründung: Mit diesen Veranstaltungen nehme er eine Nutzungsänderung vor, die genehmigungspflichtig sei. Da sie auf dem Areal aber bauplanungstechnisch gar nicht zulässig sei, sind Ausstellungen nicht genehmigungsfähig. Das Absurde ist, Haubrok stellt seit fünf Jahren dort aus – auf Basis einer mündlichen Duldung. Doch das gilt nun nicht mehr. "Dann ist Schluss mit den Ausstellungen", sagt Haubrok, sein Frust ist unverkennbar. "Und mit der Kunsthalle wird nichts. Wir bauen nicht mehr in Lichtenberg!" Das hätte zur Folge, dass die "Fahrbereitschaft" ein Nullachtfünfzehn-Gewerbegebiet würde. Und dann erzählt er auf dem Podium, dass er einige Tage vor dieser Mail noch Besuch von Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Bezirksbürgermeister Michael Grunst (Linke) bekommen hätte, beide hätten betont, wie wichtig ihr Kunstengagement für Lichtenberg sei.

Die Haubroks gehören zur umtriebigen Sammler-Community der Hauptstadt. 90 Prozent sind Gewerbe in der "Fahrbereitschaft", dazu zählen ein Rahmenbauer, Lackierer, Schreiner und ein Firmenbekleidungshersteller. Auch die 25 Künstlerstudios gehören dazu, die Mietpreise liegen bei 6,50 und 7,50 Miete im Neubau des Architekten Arno Brandlhuber. Die restlichen zehn Prozent entfallen auf die historischen Räumlichkeiten wie die rote Bar und die ehemalige Kantine.

Birgit Monteiro erklärt ihre Position damit, dass die Stadt seit 1995 ein Drittel an gewerblichen Flächen verloren hat und der Druck gewachsen sei, auch weil das Gewerbe keine Lobby hat. Kunst und kulturelle Nutzung, dazu privat finanziert, so scheint es, ist für sie die "Fratze der Gentrifizierung". Die Künstler als Vorreiter von Mietwucher. Also: Die Herzbergstraße soll Gewerbegebiet bleiben, dafür gibt es den Stadtentwicklungsplan. Spielräume will die SPD-Politikerin partout nicht sehen. Eine Ausnahmegenehmigung für zwei, drei nicht kommerzielle Ausstellungen im Jahr? Um Gottes willen, "dann wäre das Gewerbegebiet tot". Sie sieht nicht, dass Künstler ein Gewinn sind, die zur Belebung der grauen Industriestraße beitragen.

An diesem Abend präsentiert sich Monteiro derart verbohrt, dass sich so mancher Zuhörer fragt, was in die SPD-Politikerin gefahren ist und wie sie sich selbst so demontieren kann. Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert weist noch darauf hin, wie wichtig es sei, dass der Stadtentwicklungsplan überarbeitet werde, dass Mischnutzung nicht zwingend Produktion verdränge. "Stadtentwicklung müssen wir mit der Kultur zusammendenken", meint er. Doch es bleibt der leidliche Konflikt zwischen Bezirk und Senatsverwaltung.

An eine Einigung ist an diesem Abend nicht zu denken. Die Beschädigung bleibt: "Das ist", sagt Torsten Wöhlert, "ein Imageschaden nicht nur für Lichtenberg, sondern auch für die Kunststadt Berlin." "Ich habe Alternativen", sagt Axel Haubrok ruhig. Geärgert hat er sich schon lange genug.

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