Berliner Philharmoniker

Philharmonie: Das Konzert der 1000 Berliner Stimmen

Ein ungewöhnliches Projekt der Berliner Philharmoniker bringt die Stadt zum Singen und viele zum ersten Mal in einen Chor.

Sie sind Teil des Chorprojekts der Berliner Philharmoniker: Eine Chorprobe im Stadtschloss Moabit mit Chorleiterin Charolin Strecker

Sie sind Teil des Chorprojekts der Berliner Philharmoniker: Eine Chorprobe im Stadtschloss Moabit mit Chorleiterin Charolin Strecker

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Ungewohnte Klänge dringen in den Abendstunden auf die Straße. Summen, Gesang, rhythmische Rufe, Klavierbegleitung. So etwas hört man sonst selten im Märkischen Viertel, in Gropiusstadt, in Hellersdorf, in Moabit. Aber genau deshalb wurden an Orten in Berlin Projektchöre gegründet, an denen Gesangskultur bislang weniger großgeschrieben wird. In diesen Chören wird derzeit ein ungewöhnliches Musikprojekt der Berliner Philharmoniker geprobt. "Wir wollen dahin gehen, wo die Philharmonie sonst nicht hinkommt", erklärt Projektleiter Dennis Große-Plankermann, "und es war uns wichtig, Menschen zu erreichen, die bisher noch keine Chorerfahrung haben."

"Public Domain" des US-amerikanischen Komponisten David Lang ist ein gigantisches musikalisches Experiment für eintausend Stimmen. Nicht nur, weil die Zahl der Mitwirkenden so groß ist, sondern auch, weil diese 1000 Sänger allesamt Laien sind. Extra für das Stück wurden über die Stadt verteilt acht Projektchöre aufgebaut, für die sich Menschen aus dem jeweiligen Kiez beworben haben. Sie machen die Hälfte aller Beteiligten aus. Außerdem sind schon bestehende Laienchöre dabei und Nachbarschaftsvereine, deren Mitglieder für das Stück zu Sängern werden. Kein Orchester, keine Profi-Sänger werden die 1000 Laien bei der (ausverkauften) europäischen Erstaufführung am 19. Mai in der Philharmonie begleiten.

Manche Mitwirkende können keine Noten lesen

Seit Februar treffen sich die Projektchöre einmal in der Woche. Zum Beispiel auch im Schloss Moabit nahe dem Berliner Großmarkt. Die etwa 60 Menschen, die hier dienstags zusammenkommen, sind eine bunt gemischte Gruppe. Vom Alter, vom Typ, von der Herkunft, von der musikalischen Vorbildung. "Etwa 20 von ihnen haben vorher noch nie im Chor gesungen und können keine Noten lesen", sagt Chorleiterin Carolin Strecker. Das ist eine Herausforderung für sie, aber auch der Reiz. Ihre Erfahrung nach zwei Monaten Probenarbeit ist positiv: "Die Sänger mit Erfahrung unterstützen die ohne, jeder hat inzwischen seinen Platz gefunden."

Für Esther Klobe-Weihmann aus Moabit ist es – fast – das erste Chorerlebnis. "Im Schulchor habe ich früher mal gesungen, aber das ist schon ewig her." Nun war sie auf der Suche nach einem Chor, der auch Menschen ohne Erfahrung offensteht. Zufällig ist sie auf das Philharmonie-Projekt gestoßen, "das wirbt ja damit, dass jeder mitmachen kann. Und jeder, das bin auch ich." Nun ist sie gespannt, wie das Stück am Sonnabend klingt, wenn alle 1000 Beteiligten zusammenkommen.

Männer in der Unterzahl

Mehr Gesangserfahrung bringt ausgerechnet die Jüngste im Moabiter Projektchor mit. "Es hat mich nicht abgeschreckt, dass alle anderen älter sind", sagt die 15-jährige Madeleine Devillers. Die Schülerin macht ohnehin schon bei den Vokalhelden mit, den Kinder- und Jugendhören des Education-Programms der Philharmoniker. Ihre Motivation hier zu sein, ist vor allem das Stück. "Ich finde es spannend, was man alles mit der Stimme machen kann."

Und Bernd Sprenger fällt noch eine weitere Motivation ein: "Ich finde es toll, einmal in der Philharmonie zu singen." Für dieses Ziel fährt er jeden Dienstag von Tegel nach Moabit zur Probe. Singen gehört bei ihm zum Leben, seit zehn Jahren ist er im Chor. Sprenger ist in der Minderheit. Nicht allein wegen seiner Erfahrung, sondern als Mann. Denn bei aller Besonderheit ist es bei den Public-Domain-Chören – nicht anders als bei den meisten anderen der insgesamt etwa 1500 Laienchöre in Berlin – doch ein Phänomen: Die Frauen sind deutlich in der Überzahl. In Moabit liegt die Männerquote bei 25 Prozent.

Aber ohne Männer geht es nicht bei "Public Domain". Meist wird mehrstimmig gesungen, da bilden vor allem die tiefen Männerstimmen ein wichtiges Fundament. Mit allen zusammen bildet sich ein eindrucksvoller Klangteppich. Die Mitwirkenden haben dabei auch Freiheiten, so dürfen sie die Textzeilen an manchen Stellen in beliebiger Reihenfolge singen. Im Vordergrund des Textes steht das Wir­gefühl. "Es geht um die Frage: Was sind wir als Gruppe, was verbindet uns?", erklärt Große-Plankermann. Komponist David Lang hat dafür im Internet nach den Dingen gesucht, die Menschen gemeinsam haben, die sie miteinander teilen, die alle tun.

Die Gemeinschaft steht im Vordergrund

Mit dem Uns beginnt auch jedes Statement: Unser Leben, unsere Liebe, unsere Wahl, ja sogar unsere Lieblingscurrywurst. Nicht nur diese Textstelle sorgt für einen Lacher bei der Probe, überhaupt ist die Stimmung zwischen Chor und Leiterin gelöst. Selbst wenn mal ein Ton nicht ganz sitzt, wird keiner schief angeschaut. Auch das ist wohl ein Ausdruck des Uns.

Bei der Aufführung am 19. Mai treffen die eintausend Mitwirkenden in der Philharmonie auf das Publikum. Eine klassische Trennung zwischen Sängern und Zuhörern wird es dort nicht geben. Angeleitet vom musikalischen Leiter Simon Halsey werden die 25 Chor-Gruppen die Zuschauer empfangen und sie in das Stück mitnehmen. Das wird neben der musikalischen auch eine logistische Herausforderung sein. Dass so ein gigantisches Projekt, das etwa 40 Minuten dauert, tatsächlich funktioniert, hat die Uraufführung vor zwei Jahren auf dem Lincoln Plaza in New York gezeigt.

Wie das Projekt nun in der Philharmonie umgesetzt wird, erwarten die Sänger des Moabiter Chors mit Spannung und Vorfreude. Auch Alexandra Stergiopoulou. Die Griechin lebt seit einem Jahr in Berlin, das Deutsche fällt ihr noch schwer. Daher hat sie Hausaufgaben gemacht und den Text zusammen mit ihrem deutschen Freund, der auch mitsingt, übersetzt. "Ich will ja verstehen, was ich singe." Aber die Mehrarbeit hat sie nicht abgehalten, im Gegenteil: "Durch das Projekt lerne ich Berlin gut kennen, denn die Menschen hier sind so bunt wie die Stadt", sagt sie auf Englisch. Sie überlegt schon, nach dem Philharmoniker-Projekt in einen anderen Chor einzutreten, um diese Berlin-Erfahrung weiter zu vertiefen.

Mehr zum Thema:

Bei Schostakowitsch laufen die Musiker zu großer Form auf

Übertreibungen mit einem hohen Unterhaltungswert

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.