Friedrich-Luft-Preis

Wie Jürgen Flimm den Luft-Preis für Bastian Kraft würdigt

Bastian Krafts Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ erhält von der Morgenpost den Friedrich-Luft-Preis 2018.

Bastian Krafts Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ mit Ulrich Matthes erhält von der Morgenpost den Friedrich-Luft-Preis 2018

Bastian Krafts Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ mit Ulrich Matthes erhält von der Morgenpost den Friedrich-Luft-Preis 2018

Foto: Arno Declair

Berlin. Dieses frühe Stück von Arthur Miller mag ein aufregender Text sein, sehr aktuell, sodass man ihn in den ausgehenden 40er-Jahren ein Zeitstück nannte. Das war, wie wir wissen, vor sage und schreibe 70 Jahren! Und das ist verdamp lang her! Dieser Puls der 40er. Die Protagonisten von damals sind schon längst in den Theaterhimmel, Abteilung Schauspiel gesegelt. In meinem uralten Text stehen Namen wie Erich Ponto als Willy, auch sonst illustre Namen der Münchner Kammerspiele wie auch Heini Göbel, Erna Wilhelmi und der mächtige Friedrich Domin.

Der unvergessliche Intendant Hans Schweikart hatte das Stück schon in der Spielzeit 1949/50 auf den Plan gesetzt, er ging ihn wohl an, dieser scheinbar fremde Text über eine gemeine Zeitenwende. Es war die Deutsche Erstaufführung! In der Uraufführung spielte Lee J. Cobb den Loman, Arthur Kennedy Biff und Cameron Mitchell den Happy. Die Linda gab Mildred Dunnock.

Viele haben es dem großen Lee Cobb nachgespielt – viele, Frederic March, Fritz Kortner, Heinz Rühmann, und nun an der Spitze der neuen Generation: Ulrich Matthes, ganz vorzüglich macht er das, an seiner Seite Olivia Grigolli und die Söhne Benjamin Lillie den Biff und den Camill Jammal den Happy. Und die vielen anderen; denn das Stück ist auch ein Tod der Loman'schen Familie. Was ist das für ein tolles Stück, das so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg anders als in dem früheren Stück "All My Sons" die nachkriegerischen Zeiten nicht direkt problematisiert.

Ein Stück über Verlust und Einsamkeit

Arthur Millers "All My Sons" ist ebenso ein bedeutendes Stück, das sicherlich einer Überprüfung wert ist. Ich saß erst kürzlich in einer Aufführung von Simon McBurney am Broadway. Es war vorzüglich und überzeugend. Ebenso ist auf den "Preis", das 1968 an den Kammerspielen zum ersten Mal in Deutschland gezeigt wurde, hinzuweisen. Und immer wieder: die "Hexenjagd".

Der "Handlungsreisende" entfaltet seit 1948 also einen unbestreitbaren Erfolg, ich habe ihn schon als Kind in den Kölner Kammerspielen gesehen. Regie hatte Rudolf Steinböck, ein Miller-Spezialist. Schon unter Einsatz von gefleckten Projektionen, die stets schimmerten, wenn der so erfolgreiche Bruder Ben auftrat. Und die Flötenmusik, wie von Gluck! Ein Stück also mit einem Eindruck wie König Lear aus Brooklyn, ein Stück über Verlust und Einsamkeit, lange nach der Depression des Schwarzen Freitags mit allen seinen Nachwirkungen, aber auch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und den beginnenden bösen Auseinandersetzungen in Korea.

Und in Vietnam wurde schon geschossen, zwischen den französischen Kolonialherrschaften und den Einwohnern. Alles das ist Hintergrund. In Venedig gab es den Großen Preis für die Verfilmung und in Amerika den Pulitzerpreis. Die letzten 24 Stunden im Leben des Mister Loman zeigen alles dies wie unter einer Lupe, unter einem Brennglas wird in den verkümmerten Seelen der Lomans gezündelt. Welche Aufgabe für den Regisseur und sein Team, wie geht man so was an? Diesen 70 Jahre alten Klassiker? Dieses Gespinst aus Versagen und Lebenslügen wie bei Millers Kumpel Henrik Ibsen?

Solcherart Klassiker ist ja ein ziemlich kompliziertes Wesen, das wissen wir alle. Der Frankfurter Wörterfürst Ernst Bloch meinte, man solle diese unmögliche Sache wie eine Kerze betrachten, die man von beiden Seiten anzünden: gestern und morgen? Und lichterloh macht es zisch, wenn die beiden Flammen sich begegnen, das ist wohl das Heute, der helle Moment der Gegenwart. Diese Gegenwart, das tückische Ding, die ewige Provokation für die Theatermacher, das Nichts zu schaffen, das tiefe Erinnerung stiften soll, bis alle, die es hörten, sahen, nicht mehr sind.

Wer von uns weiß noch etwas von Kortners bahnbrechender "Kabale und Liebe"-Aufführung, mit Christiane Hörbiger und Helmuth Lohner? Was also müssen wir tun? Da aber hat ein junger, wilder, intellektueller Regisseur Hilfe bei der Hand. Er fügt in eine Aufführung eines bekannten Stückes viele neue Verse ein und ermahnt die tollen Schauspieler! Er sagt, sie seien die besten Spiegel aller Zeiten. Und er rühmt ihre Leidenschaft, was er natürlich zweifellos mit Uli, Olivia und Konsortien auch getan hätte! Und er verkündet die erwartete Wirkung seiner Manipulation: indem die Aufführung zur Schlinge werde, in dem sich das böse Gewissen fange! Das ist in Kürze ein ziemlich entschiedenes Konzept, die vor dem angebotenen Material des Stückes keinen Halt mehr macht. Aus dem Versgeklingel alter Zeiten geht die aufgeregte Reise in eine hochgespannte Gegenwart. Braver Regiekollege, braver Prinz, braver Hamlet, der raffinierte und ausgekochte Bearbeiter. Er zündelte so im Bloch'schen Sinne.

Bastian Kraft, des Dänenprinzen begabter Kollege, ging ähnlich vor. Er wusste, dass er den Salesman nicht im 48er-Milieu des Nachkriegsamerika ansiedeln konnte, kein Joe Di Maggio, meint no way of American life mit seinen vielen geronnenen Ikonen, kein Roy Lichtenstein, Andy Warhol, kein Lenny und die westlichen Vorstadtstorys, kein Eisenhower oder J.F.K.

Schatten, die die ganze Aufführung wie Geister begleiten

Die Uraufführung spielte in einem aufgeschnittenen Haus mit allem naturalistischen Beiwerk. Also: einfach bleiben, entschlacken, der dramaturgische Kniff der Rückblende, sonst ziemlich heikel, greift hier sofort, gibt den Ton an: Tor und Tod. Der helle weite Horizont, die jämmerlichen Möbel und im Hintergrund die kleine Tür. Wie ein Mauseloch im Zentrum der Kurve. Ja, die Schatten, Schatten, die die ganze Aufführung wie Geister begleiten – kleine wie große, bewegte wie starre. Eine Kommentarebene, die sich wie manche Videospielerei nicht an die Rampe drängte, diese blieb den wunderbaren Schauspielern vorbehalten. Schatten, wie die aus der Unterwelt, wie die schwankenden Gestalten, die sich uns immer wieder nahen, wie die Höllenhunde an den Ufern des Styx.

Auf den Regisseur muss großes Lob zukommen. Was Meister Matthes da an traurigem Verfall spielt, diesen schlotterigen, ungebügelten Lebenslügenverkäufer, dem aber niemand glaubt, ist erstaunlich. Sie lassen ihn aber alle fahren, er ist zu eitel, die ausgestreckten Hände der Hilfe zu ergreifen. Seine Lügen sind wie Rettungsringe, aus denen die Luft langsam pfeifend weicht, und dann geht es abwärts in das endgültige Elend. Das ist ein wagemutiges Vorhaben. Unser Kollege Hamlet hat für solches kühle Regiedenken auch für uns heute ein feines Bild bereit: der Falke! Das Bild kennen wir, der stolze Vogel, mit scharfem Schnabel auf der Lederhand seines Herrn. Bald nimmt dieser dem Raubtier die Haube ab, wirft ihn in die Lüfte, er steigt rasch empor, um sich in Kürze pfeilschnell auf das arme Opfer zu stürzen. Und das alles so geschwind, mit Anmut und großer Geschicklichkeit, rasant wie ein Pfeil.

Auch unser anderer Freund und Zeitgenosse, der Dramatiker aus dem Gartenhaus aus Weimar wollte seine Stücke stets etwas flapsig wie "frisch aus der Pfanne" verspeisen. Na bitte, nix blöde Werktreue! Diese Diskussion ist etwas komplizierter als in dümmlichen Texten. Frischer Falke, heiße Pfanne, lichterlohe Kerze! Wenn Meister Kraft den Kollegen Matthes über die große Bühne kurven lässt, wacklig, hüftsteif und doch in seinem gläsernen Kosmos aufgehoben sein lässt, zeigt das beider beispielhafte Zusammenarbeit! Auch Olivia Grigolli, die in Willys Schatten segelt, eine sanfte Dulderin im hoffnungslosen Dämmer. Wie die Söhne, die sich ausstrampeln, um des Alten Hoffart zu ertragen. Das ist berührend, diese arme Familie! In der Aufführung sind alle Schichten aufeinander bezogen. In dem spärlichen Raum, leer wie die Seelen.

Alle haben also Anteil am Erfolg dieses Abends, Dank also noch einmal an Bastian Kraft, an die Schauspieler, an den Videoisten Stefan Bischoff, an Frau Gloth für das Licht, an Herrn Deigner für die Musik und an Ulrich Beck, den Dramaturgen und Falkner. Und allen anderen guten Geistern! So, den Intendanten wollen wir nun auch nicht vergessen. Der Worte sind genug gewechselt, lasst uns nun endlich feiern gehen!

Der Regisseur, Schauspieler und Hochschullehrer Jürgen Flimm, Jahrgang 1941, war bis zum 1. April 2018 Intendant der Staatsoper Berlin.

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