Nikolaiviertel

Knoblauchhaus: Ein Schmuckstück des Bürgertums

Im einstigen Haus der Seidenhändlerfamilie Knoblauch entführt nun ein Museum in Lebenswelten der vergangenen Zeit.

Ausstellungskurator Jan Mende in einem der Räume des Museums im Knoblauchhaus

Ausstellungskurator Jan Mende in einem der Räume des Museums im Knoblauchhaus

Foto: Jörg Krauthöfer

Mitte. Die Front zur Poststraße ist leicht geschwungen und von einem Mittelrisalit geschmückt. Ein breiter Rankenfries zieht sich um das Gebäude, das oberhalb des Erdgeschosses altrosa getüncht ist. Ein echtes Schmuckstück ist das Knoblauchhaus, zumal es in Berlin nicht mehr viele Bürgerhäuser aus dem 18. Jahrhundert gibt. Erst recht nicht im Nikolaiviertel, das im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges fast vollständig zerstört wurde; die Nikolaikirche direkt nebenan zum Beispiel brannte völlig aus.

Im Knoblauchhaus wird vor Augen geführt, wie das aufstrebende und wohlhabende Bürgertum im Preußen des späten 18. und 19. Jahrhunderts lebte. Es war ein Motor politischer und kultureller Entwicklungen, insbesondere Berlin erlebte eine Blütezeit. Das Haus der Seidenhändlerfamilie Knoblauch ist dafür das beste Beispiel. Über mehrere Generationen hinweg war es ein Brennpunkt des Gesellschaftslebens. Gotthold Ephraim Lessing, Moses Mendelssohn, Gerhard David von Scharnhorst, Freiherr vom und zum Stein, Alexander und Wilhelm von Humboldt, Christian Daniel Rauch oder Karl Friedrich Schinkel zählten zu den namhaften Gästen.

Die Knoblauchs selbst waren ebenfalls bekannte Leute und 170 Jahre lang an der Poststraße 23 ansässig. Johann Christian Knoblauch, ein Nadlermeister, der das Heer Friedrich des Großen belieferte, ließ das Haus errichten. Sein Sohn gründete darin 1792 eine Seidenhandlung. Viele angesehene Bürger gingen aus der Familie hervor, darunter mehrere Universitätsprofessoren oder der Architekt und Schinkel-Schüler Eduard Knoblauch, dessen Hauptwerk die Neue Synagoge an der Oranienburger Straße wurde.

Museum entführt in Biedermeier-Wohnwelt

In die Lebenswelt jener Kreise entführt das Museum, genauer gesagt in die Zeit des Biedermeiers. Der letzte nennenswerte Umbau des Hauses erfolgte in jener vorrevolutionären Periode, seit 1835 ist es dann unverändert erhalten geblieben. „Aber nicht nur das“, sagt Kurator Jan Mende, „neben dem Haus gibt es auch noch Nachfahren und einen Nachlass, das ist eine äußerst seltene Konstellation für eine Berliner Bürgerfamilie.“ Die Nachfahren der alten Knoblauchs unterstützen das Museum mit Schenkungen und Leihgaben. Vieles aus dem Familiennachlass kam so zusammen, Einrichtungsgegenstände, Briefe und Dokumente. „Manche Möbel können wir direkt zurückverfolgen und als ursprüngliche Ausstattung identifizieren“, sagt Mende, „auch, wenn sie mitunter schon etliche Umwege genommen hatten.“

Mit solchen Originalmöbeln, ergänzt durch Stücke aus der Sammlung des Stadtmuseums, wurde im Knoblauchhaus eine komplette Biedermeier-Wohnwelt eingerichtet. Auf den zwei Etagen fühlt man sich wie in einer Zeitkapsel, kann eine Epoche auf sich wirken lassen, die weit weg und uns doch auch ziemlich nah ist. „Bis heute spricht uns dieser Einrichtungsstil sehr an, man fühlt sich wohl in den Räumen“, sagt Mende.

Das stimmt. Locker und hell ist die Atmosphäre. Im Gegensatz zu den wuchtigen Möbeln der späteren Gründerzeit, die ästhetisch wie physisch jedermann zu erschlagen drohen, orientieren sich Biedermeiermöbel noch am Maß der Menschen, sind zierlich und wurden in vergleichsweise sparsamer Zahl an den Wänden angeordnet. Daneben sind sie noch von Hand gearbeitet und die geschnitzten Details, Einlegearbeiten und stilvolle Beschläge machen aus Sekretären, Sitzmöbeln oder Vitrinen eine Augenweide.

Barocke Raumaufteilung mit der Küche in der Mitte

Das wertvollste Objekt der Ausstellung ist eine Flötenuhr von 1797, deren Inneres eine voll funktionsfähige Miniorgel verbirgt. Deren Holzpfeifen werden über einen Blasebalg zum Klingen gebracht, der per Aufziehwerk in Gang gesetzt wird. Die Musikstücke sind mechanisch auf Walzen gespeichert, „solche sündhaft teuren Flötenuhren waren eine Berliner Spezialität, bekannte Komponisten schufen eigens dafür kurze Stücke“.

In einem anderen Raum tickt eine große Standuhr, die Mende ebenfalls regelmäßig aufzieht. „Das laute Ticken gibt einen authentischen Sound, der zur Atmosphäre so einer Wohnung dazugehört“, sagt er. Das Ausstellungskonzept stellt eben diese Atmosphäre in den Mittelpunkt und verzichtet deswegen auf Hunderte Schildchen und Erklärtexte. Man soll das Ambiente wirken lassen können und in eine andere Welt eintauchen, anstatt lesend von Text zu Text zu gehen. Trotzdem gibt es natürlich Tafeln und Hintergrundinfos. So formt sich bei einem Rundgang ein Bild des Berliner Lebens im Biedermeier. Es geht durch Wohn-, Eck- oder Arbeitszimmer, in die Schlafstube, Bibliothek oder Küche, vorbei an grandiosen Kachelöfen, einem kuriosen Patentsekretär, kindsgroßen Nussknackern oder Alexander von Humboldts Bett.

Man tritt dabei immer von einem Raum direkt in den nächsten, was ein wenig an ein Palais oder Schloss erinnert. Die barocke Raumaufteilung verweist noch auf die Erbauungszeit 1759–61: Treppenhaus sowie Küche liegen in der Mitte und es gibt keine Flure. Typisch Biedermeier dagegen ist die Farbgestaltung der Wände. Heute noch als Standard geltendes neutrales Weiß kam wesentlich später in Mode, die Knoblauchs wohnten zwischen kräftigen Blau-, Gelb- oder Grüntönen, gern auch in heute unüblichen Kombinationen, vorsichtig formuliert.