Kultur

Der sanfte Teufelsgeiger

Der Serbe Nemanja Radulovic gilt als neuer Vorzeige-Virtuose. Am Dienstag spielt er im Konzerthaus

Wer Nemanja Radulovic auf der Bühne erlebt, erblickt in der Tat jenen Teufelsgeiger, als den ihn sein Plattenlabel nur zu gern verkauft. Ein junger Mann mit wilder, ungebändigter dunkler Lockenpracht, die durch die Lüfte wirbelt, wenn sich der 32-Jährige in hautenger schwarzer Lederhose und Punk Boots etwa in Brahms‘ Ungarische Tänze stürzt, gern begleitet wie kommenden Dienstag im Konzerthaus von seinem Kammerensemble mit dem passenden Namen „Les Trilles du Diable“ – der Serbe als Nachfolger und mediale Wiedergeburt des legendären Niccolò Paganinis.

Doch dann sitzt einem der heute in der Nähe von Paris lebende Musiker im Interview gegenüber, das Haar ordentlich zum Zopf gefasst – und auf einmal entpuppt sich dieser „Teufelsgeiger“ als ein nachdenklicher Künstler, dessen weiche Gesichtszüge ihn trotz des Sieben-Tage-Barts so gar nicht als verwegenen Virtuosen erscheinen lassen. „Ich persönlich sehe mich nicht als einen Teufel – und wenn ich in den Spiegel blicke, steht da auch definitiv kein Teufel vor mir“, lacht Radulovic. Und der auch sonst eher unauffällig in Jeans und Shirt daher kommt: Alles also nur ein gekonntes Bühnenspiel mit und für die öffentliche Wahrnehmung?

Musiker sind abhängig von Labels und den Managern

„In bestimmten Situationen haben wir Musiker gar keine große Wahl, da sind am Ende nicht wir die Entscheider, sondern es gibt eben eine Vielzahl anderer Menschen, die Einfluss nehmen: das Label, die Konzertveranstalter, die Manager“, sagt der Violinvirtuose über das Klassikgeschäft. „Doch am Ende ist es wichtig, sich selbst treu zu bleiben, zu sich selbst zu finden und eben diese eigene Persönlichkeit dem Publikum wie auch den Medien zu präsentieren.“ Ein schmaler Grat, auf dem der schillernde Künstler da wandelt – und sich offenbar doch nicht selbst verrät: „Viel interessanter finde ich, dass Menschen, die zu mir ins Konzert kommen, um eben diesen ‚Teufelsgeiger‘ zu erleben, anschließend ihre Sicht auf mich verändern und ganz anders über mich sprechen.“

Und das zweifellos zu Recht: Denn künstlerisch versteht der Exzentriker im Gothic-Style weit mehr als lediglich auf virtuose Effekte zu setzen. Kein Ton wirkt bei ihm belanglos, sein Spiel offenbart immer wieder neue Klangfarben, seine bisweilen glühende Intensität vermag ebenso zu verführen wie seine magischen Pianissimo-Abgründe den Atem anhalten lassen. Womit Radulovic den beiden anderen erfolgreichen Enfant terribles im Geigen-Geschäft – Nigel Kennedys und David Garrett – Paroli bietet. „Ich mag es, mich über meine Gefühle auszudrücken, denn Emotionen sind für mich stärker und mächtiger in ihrer Wirkung als alles andere“, bekennt Radulovic. Und fügt hinzu: „Was übrigens auch für Momente der Stille gelten kann, denn oftmals sagt das Schweigen mehr als viele Worte, einfach weil es dort eine emotionale Verbindung zwischen den Menschen gibt – und das ist für mich etwas Wunderbares.“

Nemanja Radulovic hat seine Kindheit im ehemaligen Jugoslawien verbracht. „Ich bedaure es wirklich sehr, dass dieses einst so weltläufige Land nicht mehr existiert.“ Bürgerkrieg und Zerfall hat er noch selbst miterlebt, bevor der Teenager als 14-Jähriger zum Violinstudium ans Pariser Konservatorium ging: „Damals gab es Situationen, wo wir weder Wasser noch Lebensmittel noch Strom hatten – das sind Momente, wo man gelernt hat, was wirklich wichtig ist im Leben“, erzählt Radulovic. „Wir brauchen zu essen, wir müssen nach einiger Zeit schlafen und wir brauchen Menschen, die wir lieben, denn auf Dauer können wir nicht allein sein – was für die Musik übrigens ebenso gilt.“

Eben diese künstlerische Perspektive gaben ihm auch seine Lehrer Joshua Epstein und Yehudi Menuhin mit – dass der Geiger sich selbige schon früh zu eigen gemacht hat, zeigen nicht zuletzt seine zahlreichen Preise vom Gewinn des Joseph-Joachim-Wettbewerbs 2003 über den französischen Victoires de la Musique Classique bis hin zum Echo Klassik vor drei Jahren. Seither kennt die Musikwelt den „Teufelsgeiger“ mit der wilden Lockenpracht. „Lange Haare wollte ich schon immer haben, doch bis zu meinem 17. Lebensjahr hat meine Mutter mir das nicht erlaubt“, erinnert sich Radulovic lachend: „Vielleicht ahnte sie, wie schrecklich wild die Haare in den ersten drei Monaten eines solchen Wachstumsprozesses aussehen würden …“ Längst ist die Mähne indes für ihn mehr geworden als nur ein optisches Markenzeichen: „Im Konzert stehe ich so vielen Menschen gegenüber, ohne für mich auch nur den kleinsten Rückzugsraum zu haben – und da dienen mir meine Haare gleichsam als eine Schutzwand, um mich gerade in schwierigen Passagen zu fokussieren und einen persönlichen Raum zur Konzentration zu gewinnen.“

Vielleicht ist eben dies am Ende doch sein tatsächliches Wesen: ein sensibler Künstler, der den Blick lieber nach innen als nach außen richtet. Die teuflischen Image-Vermittlungen überlässt er den anderen.

Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Mitte. Am 8.5. um 20 Uhr (ausverkauft)