Klassik-Kritik

Alles klingt klar, transparent – und dennoch sinnlich

Selten erklingen in deutschen Konzertsälen die sinfonischen Werke von Bohuslav Martinů, dem wohl bedeutendsten tschechischen Komponisten des fortgeschrittenen 20. Jahrhunderts. Er verstand es, mit viel Geschick und Raffinesse, Elemente der tschechischen Volksmusik mit den Farbwirkungen des Impressionismus, den Strukturen des Neoklassizismus und Jazz-Einsprengseln zu einer ganz eigenen Tonsprache zu formen. Der britische Dirigent Sir Roger Norrington findet Martinůs Werke „wunderbar, originell und eigentümlich“, deshalb hat er sich dazu entschlossen, mit dem DSO alle sechs Symphonien des tschechischen Meisters aufzuführen, eine pro Spielzeit. Am Dienstag startete er mit der Nr. 1, der er Mozarts „Haffner-Serenade“ als Eröffnungsstück voranstellte. Martinů blieb in seinen Symphonien hinsichtlich der formalen Strukturen eher der Tradition verhaftet. So ist das Stück, wie in der klassischen Symphonie üblich, in vier Sätze unterteilt. Norrington und das DSO widmen sich dieser Musik mit einer Hingabe und Präzision, die absolut staunenswert ist.

Auch wenn der Dirigent altersbedingt – er feierte im März seinen 84. Geburtstag – nur noch im Sitzen dirigiert, zeigt er nach wie vor eine große Vitalität und Kontrolle. Insbesondere im ersten Satz gelingt es ihm hervorragend, die verschiedenen Klangfelder im Orchester klar voneinander zu profilieren und dennoch wieder zu einem Gesamtklang zusammenzufügen. Alles klingt unglaublich transparent und klar, und dennoch sinnlich mit wunderbar weichen Klangfarben. Im Scherzo überzeugen der starke Drang nach vorne sowie der tänzerische Schwung, und im klagenden Largo das maßvolle Pathos und die organischen Steigerungen. Im Finale werden nochmals Motive der vorangegangenen Sätze angespielt, Norrington gestaltet es mit motorischem Drive und vielfältigen Farbwechseln.