Deutsches Theater

Jelineks "Am Königsweg": Gedankengewitter ohne Struktur

Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ am Deutschen Theater: Das Ensemble ist stark, die Regie bleibt schwach

In Stephan Kimmigs Version wird das Jelinek-Stück „Am Königsweg“ 
zur Küchenparty mit viel Klamauk

In Stephan Kimmigs Version wird das Jelinek-Stück „Am Königsweg“ zur Küchenparty mit viel Klamauk

Foto: imago stock / imago/Martin Müller

Der König bringt Würstchen und Elfriede kocht. Eigentlich kocht in Wahrheit Holger Stockhaus, der vielleicht Elfriede ist, bei Frau Jelinek weiß man nie so genau. Die Würstchen werden gebraten, es riecht bis in die ersten Parkettreihen im Deutschen Theater. Beim Würstchen-Wenden sagt er: „Ich verstehe nicht, was ich da bestellt habe. Falls ich das bestellt habe, was ich bekommen habe.“ Das kann ordentlich schiefgehen, wenn man nicht aufpasst bei der Bestellung. Am Ende kriegt man was, was einem nicht schmeckt. Einen Donald Trump zum Beispiel. Den hat man sich ja ausgesucht, sehr viele zumindest haben das getan, und kann ihn nicht einfach in die Küche zurückgehen lassen. Den muss man erstmal verdauen.

Elfriede Jelinek macht das in ihrem Text „Am Königsweg“, den Stephan Kimmig fürs Deutsche Theater in Szene setzte. Genauer gesagt, in die Küche versetzte. Katja Haß hat ein hohes, verschachteltes Einbauküchen-Ensemble entworfen. Gehobene Ausstattung, edle Materialien, allerlei elektronischer Schnickschnack. Man kann der Küche sagen, man brauche einen Schneebesen, dann geht die richtige Schublade auf. Zumindest theoretisch, diese Küche aber irrt sich bei den Schubladen. Sie hört nicht richtig zu, das ist aus der Mode gekommen. Sie hat den Überblick verloren. Das geht vielen so.

Elfriede Jelineks Text ist vor allem ein Text über Ohnmacht, die Verunsicherung, über die Hilflosigkeit angesichts des Zustands der Welt, auch über Jelineks eigene Rolle darin. Außerdem: der Rechtspopulismus, die Banken, die seltsame Elite herrschender Egomanen. Einmal heißt es sogar, Heidegger sei schuld. Und der Schwarzwald. So braust der Text auf der jelinektypischen Assoziationsachterbahn hin und her und rauf und runter in einem Tempo, dass einem ganz schwindelig wird. Klare Rollenzuschreibungen gibt es nicht. Zum Stück muss ihn erst die Regie machen.

Regisseur Stephan Kimmig hat die Textmenge mehr als halbiert und macht daraus eine knapp zweistündige Slapstick-Küchen-Party. Eingeladen sind neben der Autorin zum Beispiel: ein antiker König im goldenen Ganzkörperanzug (Božidar Kocevski), ein Seher mit vielen Brillen (Marcel Kohler), Kermit, der Frosch (Holger Stockhaus), der von einer verdoppelten Miss Piggy (Anja Schneider und Linn Reusse) geköpft wird, ein bisschen Fußvolk. Allerlei Lebensmittel werden verarbeitet, bevorzugt phallische, eine Gurke, Lauch. Donald Trump taucht kurz als gelber Wischmopp auf. Die Würstchen aus der Pfanne sind im Mixer zu Wurst-Brei geworden. Der hat sich auf dem Boden verteilt, man gerät ins Schlittern. Donald, der Mopp, bringt die Sauerei wieder in Ordnung. So geht das die ganze Zeit, ein Klamauk jagt den nächsten. Das Ensemble ist stark, die Regie leider schwach. Kimmig stellt keine Verbindungen her im Gedankengewitter, verfolgt keine der Fährten, die der Text auslegt, nicht die antiken und nicht die jetztzeitigen. Erst ganz am Schluss gibt es am Küchentisch ein wenig inhaltliche Verdichtung mit dem herrlich absurden Lied „Zug nach morgen“ und einer Version von Hanns Dieter Hüschs „Abendlied“. In knapp zwei Wochen ist Gelegenheit, Jelineks Text in einer anderen Version zu erleben: Falk Richters Uraufführung des Stücks am Hamburger Schauspielhaus ist zum Theatertreffen eingeladen und am 12. und 13. Mai im Haus der Berliner Festspiele zu sehen.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Kartentel. 28 441 225. Nächste Termine: 30.04., 07.05., 13.05., je 19.30 Uhr.