Konzert in Berlin

Chick Coreas jazzige Lässigkeit in sakraler Atmosphäre

Der legendäre Pianist Chick Corea spielt ein lockeres Solo-Konzert in der Schöneberger Apostel-Paulus-Kirche.

Chick Corea (Archivbild)

Chick Corea (Archivbild)

Foto: picture alliance

Berlin. „Muss irgendwer einen Zug erwischen?“, fragt Chick Corea um halb elf in die fast ausverkaufte Apostel-Paulus-Kirche in Schöneberg. So schnell will aber niemand nach Hause. Der Jazz-Pianist gibt seit zwei Stunden ein Solokonzert, wie man es sich intimer und entspannter kaum wünschen könnte. Corea hat nicht nur mit Miles Davis gespielt, er hat auch mit seiner Band „Return to Forever“ in den 70er Jahren Fusion und Jazzrock erfunden, tour heute noch mit einer Acustic und einer Electric Band. „Lebende Legende“ raunt jemand seinem Banknachbarn zu.

Wo sein Kollege Keith Jarrett jedoch mit den Jahren immer exklusiver und heilgenhafter wird, scheint Chick Corea den Unprätentiösitäts-Preis an der goldenen Klavierseite bekommen zu wollen. In Jeans, Turnschuhen und T-Shirt sitzt er am Flügel und erzählt Geschichten: wie er sein Idol Thelonious Monk in New York hören durfte, wie es beim Aufnehmen mit Paco de Lucia war und dass er sich in der Pause im Backstage-Raum etwas einsam fühlte. Da sei es doch sinnvoller, zurück zu kommen und noch ein bisschen Musik zu machen.

Corea spielt mit staunenswerter Lässigkeit: Zusammenfügungen von Chopin und Skrjabin, Mozart und Gershwin – alles große Pianisten und Bandleader, wie er sagt. Lachen in der Kirche. Doch wie Corea diese über Jahrhunderte geschriebenen Stücke interpretiert, immer leicht synkopiert, klingen sie wie aus einer Feder. Bei aller technischen Perfektion scheint es, als wären Corea die Stücke eben beim Vor-sich-hin-Klimpern zugeflogen. „Ich kann diese Sachen nur lernen, indem ich sie spiele“, sagt er, halb entschuldigend. So wohnt das Publikum im besten Sinne einer Probe bei: Es kann einem großen Pianisten beim Denken zuhören.

Die Highlights aber kommen nach der Pause: Corea setzt sich drei Zuhörer auf einen Stuhl und improvisiert Portraits zu ihnen. Das hätte er als Kind mit seinen Cousins und Cousinen immer gemacht, wenn sie sich sonntags beim Opa im Keller darum rauften, wer ans Klavier durfte. Corea entwirft ad hoc Miniaturen, die wirklich völlig unterschiedlich klingen. Er schaut seinen Modellen dabei prüfend ins Gesicht – wie ein Maler. Dann lädt er drei Pianisten aus dem Publikum ein, improvisiert vierhändig mit ihnen. Selten kriegt man so hautnah vorgeführt, was Jazz sein kann: Zuhören, in Dialoge treten, spielerisch und respektvoll. Das Gute daran, sagt Corea, sei: Man müsse sich sich nicht um Songs kümmern, sondern könne einfach machen, was man will. Understatement des Jahres. Donnernder Applaus.