Kultur

Schlecht vorbereitet

„Polizeiruf 110“ am Sonntag will Grenzen sprengen und schießt über sein Ziel hinaus

„Der Fernseher ist weg, und mein Fahrrad auch.“ Hauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) wird von ihrer aufgeregten kleinen Tochter unsanft aus dem Schlaf gerissen. Was folgt, ist stummes Entsetzen. Einbrecher sind nachts in die Wohnung eingedrungen und haben nichts als Verwüstung hinterlassen. Olgas Kollege Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) und die Spurensicherung rücken an. Und während sich der Zuschauer noch verwundert fragt, wie Mutter und Kind bei dem zwangsläufig entstandenen Lärm überhaupt haben durchschlafen können, wächst sich das Entsetzen zum absoluten Albtraum aus: Die Täter haben Olga und ihre Tochter sogar während des Schlafs mit dem Handy gefilmt.

Dieser Eingriff in die Privatsphäre ist zu viel. Einem Nervenzusammenbruch nahe, beschließt die Kommissarin, eine Auszeit zu nehmen. Ihre Mutter wird die Enkelin betreuen, sie selbst will auf einem abgelegenen Bauernhof zur Ruhe kommen, Kraft und Selbstsicherheit zurückgewinnen.

In diesem Moment erfährt die Geschichte ihren ersten Bruch. Der nächtliche Überfall wird zu einem von zahlreichen disparat erscheinenden Fragmenten, die im neuen „Polizeiruf 110“ aneinandergereiht werden, ohne sich zu einer halbwegs klaren, eindeutigen Erzählung mit irgendwie gearteter Aussage zusammenzufügen. Alles bleibt bis zum Schluss versatzstückhaft und isoliert.

In „Demokratie stirbt in Finsternis“ kommt das von Frankfurt (Oder) und Swiecko aus tätige deutsch-polnische Ermittlerteam Lenski/Raczek zum fünften Mal zum Einsatz. Die bisherigen Fälle ragten nicht zuletzt deshalb aus der Flut der Mainstream-Krimis heraus, weil letztlich die seelischen Befindlichkeiten, die klug ausgeleuchteten Charaktere, kleinen und großen menschlichen Dramen jederzeit und nachvollziehbar im Vordergrund standen. Diesmal schießen die Autoren Matthias Glasner (auch Regie) und Mario Salazar im offensichtlichen Bemühen, die Grenzen des Genres noch mehr zu weiten, noch „untypischer“, mutiger oder gar „experimenteller“ zu sein, weit übers Ziel hinaus. Der eigenbrötlerische Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel), auf dessen Hof Olga Zuflucht sucht, ist ein sogenannter Prepper, eine Person, die sich mit allen möglichen Mitteln auf eine denkbare Katastrophe vorbereitet. Nur dass er gleich das Ende aller Zivilisation erwartet. Lennards Frau hat Ehemann und Kinder verlassen und sich einer geheimen Untergrundgruppe von linken Anarcho-Preppern angeschlossen, die das Ende der Zivilisation nicht abwarten, sondern die Apokalypse gleich selbst herbeiführen wollen. Lennards Frau wird irgendwann tot aufgefunden. Eine rechtsorientierte Dorfjugend mischt plötzlich bei den Autonomen mit, es wird plakativ illustrierte Kritik an der Konsumgesellschaft geübt, zwischen Olga und Lennard entwickelt sich eine Beinahe-Love-Story … Kaum etwas wird begründet, lediglich behauptet, alles bleibt wirr bis zum Schluss. Ein Lichtblick ist allein Jürgen Vogel, der zeigen kann, wozu er wirklich fähig ist, wenn er sich abseits gängiger Komödienunterhaltung bewegt.

Fazit: Ein aus lauter Versatzstücken gewaltsam konstruierter „Polizeiruf 110“, bei dem der Zuschauer allein durch die Leistung Jürgen Vogels halbwegs entschädigt wird. Übrigens: Der Begriff „Prepper“ leitet sich vom Englischen „to be prepared“ (bereit sein, vorbereitet sein) ab. Viele Themen und Maßnahmen der Prepper (Autarkie, Lagerhaltung, Schutzvorrichtungen, Werkzeuge usw.) finden sich in der „Survival“-Szene wieder.

„Polizeiruf 110: Demokratie stirbt in Finsternis“ ARD, heute, 20.15 Uhr