Kultur

Der Hass macht die Musik

Antisemitismus ist Teil der Pop-Kultur. Er taucht in verschiedenen Formen auf – nicht nur im Rap

Plötzlich war er kürzlich wieder da: der Judenhass. Verkörpert von den zwei rappenden Provokateuren Farid Bang und Kollegah. Ausgezeichnet auch noch mit Deutschlands, mittlerweile abgeschafftem wichtigsten Musikpreis: dem Echo. Für Zeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“ und Gedankengut, das sich eine bessere Welt ohne Juden vorstellt. Die ja angeblich die Welt regieren und so unerträglich reich seien, so sagen es weitverbreitete Verschwörungstheorien.

Der stumpfe Gangsta-Rap der beiden Muslime Kollegah und Farid Bang wurde nun zum Aushängeschild einer neuen Judenfeindlichkeit, die sich vor allem aus dem arabischen Raum speist und vom Israel-Palästina-Konflikt befeuert wird. Erfunden haben die beiden Rapper nicht, was viele als „Israel-Kritik“ abtun. Schon lange gärt solches Gedankengut wieder in der Kulturszene: angefangen bei den üblichen Verdächtigen ganz rechts außen bis hin zu linken Globalisierungskritikern und Weltstars wie Roger Waters, einem der Mitbegründer von Pink Floyd.

Die BDS-Bewegung ist „gebildeter Antisemitismus“

Waters gehört einer Bewegung an, die sich als „israelkritisch“ bezeichnet und schon seit geraumer Zeit die Kulturszene spaltet: BDS. Die Abkürzung steht für Boykott, Desinvestition und Sanktionen. Das Ziel ist, so den Staat Israel zu isolieren. Doch häufig stellen ihre Aktivisten das Existenzrecht Israels infrage. Musiker Waters verglich den Staat bei einer Diskussion im vergangenen Jahr mit Hitler-Deutschland. Die Berliner Kognitionswissenschaftlerin und Professorin Monika Schwarz-Friesel bezeichnete Bewegungen wie den BDS als „gebildeten Antisemitismus“. Künstler wie der genannte Roger Waters oder die britische Lyrikerin Kate Tempest unterstützen diese Bewegung.

Wie der BDS arbeitet, war im August 2017 in Berlin zu erleben: Das vom Berliner Senat geförderte Pop-Kultur-Festival sollte boykottiert werden. Alleiniger Grund: Die israelische Botschaft in Berlin unterstützte teilnehmende israelische Künstler mit einem Reisezuschuss von 500 Euro. Was lächerlich klingt, hatte dennoch Erfolg. Viele arabische Musiker sagten ab und auch die schottische Band Young Fathers, einer der Haupt-Acts des Festivals, zog sich daraufhin zurück. Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) bezeichnete die Kampagne des BDS als widerlich.

Israelische Künstler im Ausland stören, Auftritte internationaler Künstler in Israel verhindern, das ist – neben dem Boykott von israelischen Waren – das öffentlichkeitswirksamste Werkzeug des BDS. Mit Online-Kampagnen versuchen Waters und Co andere bekannte Künstler wie Radiohead und Nick Cave zu bewegen, Israel-Konzerte abzusagen. Letzterer erklärte, dass er von BDS-Aktivisten massiv bedrängt worden sei. So kommt die Frage auf, was denn sonst antisemitisch sein soll, wenn nicht, die kulturellen Botschafter des einzigen Landes zu boykottieren, das jüdisches Leben dauerhaft garantieren kann. Wenn nicht, Musiker zu drängen, jüdisches Staatsgebiet zu meiden. Mit Kritik an der Politik Israels, wie behauptet, hat das ja wenig zu tun.

Das sahen im vergangenen Jahr auch die Sender der ARD so und beschlossen, nicht über Roger Waters’ Auftritte in Deutschland zu berichten. Das Statement der RBB-Intendantin Patricia Schlesinger erinnert stark an die Versicherungen in Richtung jüdischer Gemeinden nach dem diesjährigen Antisemitismus-Skandal beim Echo: „Hier klar Position zu beziehen, ist für den RBB ein wichtiges Signal auch an die jüdischen Gemeinden in Berlin und Brandenburg“, sagte sie.

Nicht allein Rap ist es also, der antisemitisches Gedankengut verbreitet. Genauso wenig wie Antisemitismus nur aus dem arabischen Raum stammt. Die BDS-Kampagne gestaltet lediglich schlauer, was Kollegah und Farid Bang ihren Fans mit Zeilen wie „Mache wieder mal ’nen Holocaust, komm’ an mit dem Molotow“ eintrichtern wollen.

Judenfeindlichkeit ist tief in der europäischen und vor allem deutschen Geschichte verwurzelt. Es brauchte deshalb nicht erst den BDS, damit linke Gruppen wie die spanische Punk-Band Ska-P mit mindestens diskutablen Texten auffielen. Bereits im Jahr 2002 sangen sie von der „Intifada“, den palästinensischen Aufständen gegen Israel. Sie fragen darin „Tote, Tote, in wessen Namen?“ Und beantworten sich ihre Frage selbst mit „Jahwe“ – dem hebräischen Wort für Gott.

So etwas habe keinen Platz in unserer Gesellschaft, heißt es aktuell. Dabei gab es auch hierzulande bereits vor dem Echo genug Beispiele für antisemitisches Gedankengut in der Musik. Wenig verwunderlich, dass am äußersten rechten Rand judenfeindlich ausgeteilt wird. Die Band Faustrecht ist eine der wichtigsten rechtsextremen Bands des Landes. Sie singen auf ihrem Debütalbum „Blut, Schweiß, Tränen“ von ominösen Machthabern, die seit dem Mittelalter die Fäden ziehen, Revolutionen inszenieren und deren Macht das Geld ist – die gängigsten antijüdischen Stereotype. Die nutzt auch Sänger Xavier Naidoo gern und singt in seinem Song „Raus aus dem Reichstag“ vom „Baron Totschild“ – einer Verballhornung der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild – und beschimpft ihn mit dem jiddischen Wort „Schmock“. Das klingt bei ihm und den anderen oft eleganter als bei Kollegah und Farid Bang. Doch das dahinterstehende Gedankengut ist überall dasselbe – nicht erst seit dem Echo.