Neues Album

Die Fantastischen Vier: Mit Haltung gegen Endzeitstimmung

Auf ihrem neuen Album beschwören die Fantastischen Vier die Toleranz. Ein Zeichen gegen Gewaltfetischisten wie Kollegah und Farid Bang?

Vier Finger, aber seit drei Jahrzehnten zusammen: Smudo, Michi Beck, Thomas D und And.Ypsilon sind Die Fantastischen Vier

Vier Finger, aber seit drei Jahrzehnten zusammen: Smudo, Michi Beck, Thomas D und And.Ypsilon sind Die Fantastischen Vier

Foto: Robert Grischek / BM

„Geht mir weg mit eurem Stolz auf die eigene Nation, ihr seid nicht das Volk, ihr seid Vollidioten“, rappt Michi Beck von den Fantastischen Vier auf deren neuem Album. „Endzeitstimmung“ heißt der Song. Haltung statt Hetze, so könnte man wohl zusammenfassen, was die vier altgedienten Rapper aus Stuttgart auf „Captain Fantastic“ zeigen wollen.

Weil das im Rap dieser Tage nicht alltäglich ist – man denke an die Echo-Debatte über die Gewaltfetischisten und Berufsprovokateure Kollegah und Farid Bang – wurden sie dafür am vergangenen Donnerstag sogar ausgezeichnet: Sie erhielten den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache als „Wegbereiter einer neuen deutschen Musikgeschichte“, wie der Verein Deutsche Sprache aus Dortmund mitteilte. Zu einer Zeit, in der Sprechgesang mit dem Englischen verknüpft war, bedienten sie sich ihrer Muttersprache. Die Auszeichnung erhielten zuvor Größen wie Udo Lindenberg oder Loriot. Das zeigt in welcher Liga die Fantas heute spielen – sie sind lebendiges deutsches Kulturgut.

Fast 30 Jahre ist es her, dass sich die Rapper Thomas D, Michi Beck, Smudo und Produzent And.Ypsilon zusammentaten, um aus Stuttgart den Deutsch-Rap in die Charts zu hieven. Zugegeben: Die Schöpfer von „Die da?!“ waren immer eher Spaßrapper, taten nie wie harte Gangster. Sie fielen nie auf mit Frauenhass, Drogen, Gewalt oder gar antisemitischen Zeilen wie einige ihrer jüngeren Kollegen, die heute kommerziell erfolgreich sind.

Trotzdem kann man ihr sechstes Studioalbum „Captain Fantastic“ dieser Tage kaum hören, ohne daran zu denken, welche Texte heute aus den Handyboxen auf den Schulhöfen dröhnen. Statt „die da, die da am Eingang steht“ anzuschmachten, rappen Kollegah und Co. heute Songzeilen wie: „Danach fick ich deine Ma, die Flüchtlingsschlampe“. Das neue Album der Fantastischen Vier ist also ein bisschen gute, alte Zeit, wenn man so möchte. Doch das ist nicht nur ein Lob.

Politisch wie nie wollen sie sich präsentieren, die Fantas. Auf der Welt ist einiges los, also soll „Captain Fantastic“ es richten. Der Held, wohl Botschafter der positiven Geisteshaltung der vier, bleibt allerdings profillos: Stellt man ihn sich vor, wäre er wohl einer, der nichts mehr auszustehen hat. Ein Held, der anklagt, ohne Lösungen bereitzuhalten. Einer, der nur ab und an halblaut dazwischenruft: „Was ist denn hier los, bitte!“ Wer braucht solch einen Helden?

Die Endzeitstimmung, die die Fantastischen Vier auf ihrem Album textlich verbreiten, trägt nicht. Zumal sie musikalisch auf harmlose Pop-Song-Formate und partytaugliche Beats setzen. Unterstützt werden sie dabei von Feel-Good-Sängern wie Clueso und Flo Mega. Wenn sich die Fantas dann einmal fragen, ob Menschen nur „Affen mit Waffen“ sind, scheinen sie selbst derart erschlagen von dieser Frage, dass Thomas D in „Aller Anfang ist Yeah“ sodann lieber wieder die solide Allzeit-Spaß-Philosophie berappt: „Es gibt immer einen Grund, Yeah zu schreien!“

Sicher, es ist schwer, im Rap in Würde zu altern. Kaum ein Genre lebt so von seiner Jugendlichkeit. Es ist den Stuttgartern deshalb zugutezuhalten, dass sie sich nicht wie ihre rappenden Altersgenossen von Beginner dazu verleiten ließen, einen jungen Gangsta-Rapper einzukaufen. Auf deren Comeback-Album „Advanced Chemistry“ sollte Rapper Gzuz für das Straßenflair sorgen. Das verkaufte sich immerhin gut. Irgendwie sitzen Alt-Rapper eben in der Falle. Forderst du Haltung, wirkt das schnell onkelig. Machst du auf Gangster, wird es peinlich. Die vier Rap-Onkel aus Stuttgart haben sich für Haltung entschieden. Fans wird’s gefallen.