Ausstellung

Die Kunst geht auf Weltreise

Mutig und monumental: Die Ausstellung „Hello World“ im Hamburger Bahnhof hinterfragt den eigenen westlichen Kunstkanon.

Provokantes Spruchband in der großen Halle: Ein Künstler, der kein Englisch spricht, ist keiner!“ Die Ausstellung „Hello World“ nimmt die Sammlung kritisch unter die Lupe.

Provokantes Spruchband in der großen Halle: Ein Künstler, der kein Englisch spricht, ist keiner!“ Die Ausstellung „Hello World“ nimmt die Sammlung kritisch unter die Lupe.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Vor gut einer Woche stand Angela Merkel mit dem französischen Präsidenten auf der Baustelle des Humboldt Forums. Sie hatte die Schlossreplik im Herzen der Stadt mit Bedacht gewählt. Als Symbol einer „globalen Welt“, wie die Bundeskanzlerin formulierte, und eines Museums ganz neues Typs. Nun steht Museumschef Udo Kittelmann im Hamburger Bahnhof. Auch er spricht von globalen Einflüssen, davon, dass sich deutsche Museumssammlungen öffnen und internationalisieren sollten. In den letzten Jahrzehnten waren die Bestände geprägt vom westlichen und nordamerikanischen Kanon. Zwei Jahre haben Kittelmann und ein zwölfköpfiges Kuratorenteam an dieser kritischen Revision gearbeitet, um eine Neuaufstellung der Sammlung vorzunehmen. Natürlich war das verbunden mit einem Überdenken der Sammlungspolitik. „Das ist keine Sonderausstellung auf Zeit. In der Konsequenz führt das zu einem anderen Museumsentwurf“, glaubt Kittelmann.

Wie dieser nun aussehen könnte, darin versucht sich die Ausstellung mit dem einladenden Titel „Hello World“. Ein Kraftakt! Und ein monumentaler Aufschlag, der überhaupt erst einmal zeigt, was für fantastische Bestände die Nationalgalerie mit ihren einzelnen Häusern hat. Doch ohne Zuschuss von 800.000 Euro der Bundeskulturstiftung würde es dieses von ihr initiierte Projekt „Museum Global“ gar nicht geben. Da der gesamte Hamburger Bahnhof mit den Rieck-Hallen auf 10.000 Qua­dratmetern neu bespielt wird, sind anfängliche Orientierungsschwierigkeiten normal. In 13 Kapiteln werden alternative Kunst-Geschichten von Armenien bis Mexiko erzählt.

Es gibt viele neue Perspektiven, so manche verrückte Assoziation, dazu schöne Entdeckungen. Die größte ist wohl die Begegnung mit den Gemälden von Walter Spies, von dem gerade auch eine neue Biografie erschienen ist. Sein Werk war bislang in Deutschland nicht sichtbar, das meiste befindet sich heute in Privatsammlungen, mittlerweile unbezahlbar. Spies, ein hedonistischer Abenteurer, lebte in den 20er-Jahren im Grunewald mit Friedrich-Wilhelm Murnau zusammen. Seine in Berlin entstandenen Bilder sind wie ein melancholischer Tanz auf dem Vulkan. Dagegen gestellt sind seine „Making Paradise“-Bilder eine Flucht in die Idylle („Reh in Lichtung“) des Dschungels. Spies lebte später auf Bali, nicht schlecht, wie ein wunderbarer, kleiner Film von Charlie Chaplin zeigt. Er hatte Spies 1932 auf dessen Anwesen in Ubud besucht.

Interessant zu sehen, wie wechselseitig dieser Kulturaustausch verlief. Spies beeinflusste die balinesischen Maler – und umgekehrt. Jedenfalls fand Spies’ Bali-Reigen keinen Weg in die Berliner Sammlungen. Zu exotisch? Umso überraschender ist es, wie viele Gemälde Heinrich Vogelers sich im Bestand befinden. Ihn verortete man eher in der dem Jugendstil verschriebenen Künstlerkolonie in Worpswede. Seine Reise 1923 nach Moskau änderte alles. Er wurde Kommunist, seine Bilder zum Instrument der Propaganda. Nicht der Landschaft, sondern den Werktätigen gehörte fortan seine Bilder-Welt. Überall grüßt der rote Stern! Auch wenn die Welt heute eine andere ist.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51.
Di–Fr 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sbd./So., 11–18 Uhr. Bis 26 August.