Kultur

500 Seiten in 90 Minuten

Die Vagantenbühne zeigt die Dramatisierung des Romans „Der Nazi und der Friseur“ von Edgar Hilsenrath

Auf den ersten Blick wirkt alles ganz harmlos: Zwei Männer stehen sich gegenüber, werden zum Spiegelbild des anderen. Sie kämmen sich synchron die Haare, richten ihre identischen braunen Hemden und beigefarbenen Hosen. Kennt man als Slapstick-Spaß. Doch hier vereint ein Mann auf fatale Weise zwei Identitäten in sich, den NS-Massenmörder Max Schulz und den ermordeten Juden Itzig Finkelstein.

Die beiden waren mal die besten Freunde im kleinen Städtchen Wieshalle. Sie wurden sogar am gleichen Tag im Jahr 1907 geboren, siegten zusammen bei Fußballspielen, gingen gemeinsam aufs Gymnasium. Später absolvierten sie eine Friseur-Lehre bei Itzigs Vater. Doch dann kam Adolf Hitler nach Wieshalle, sprach wie ein Messias und die Freundschaft der beiden zerbrach.

Wie aus dem SS-Schergen Max Schulz der israelische Bürger Itzig Finkelstein wird, erzählt Edgar Hilsenraths so kompromisslose wie radikale Groteske „Der Nazi und der Friseur“. Nun hat Hajo Förster die irrwitzige Geschichte als Zwei-Personen-Stück inszeniert. Ein durchaus fesselndes Regie-Debüt an der Vagantenbühne. Wenngleich die Bühnenfassung kleine Schönheitsfehler hat. Judith Kriebel und Gerhard Seidel haben die knapp 500 Seiten starke Romanvorlage auf 90 Minuten eingedampft und dafür stark geglättet. Hilsenraths bitterböser, tiefschwarzer Humor, den wohl in dieser Art nur jemand haben kann, der die NS-Vernichtungsmaschinerie selbst überlebte, geht darüber leider fast verloren.

Die Schauspieler Oliver Dupont und Andreas Klopp teilen sich die Charaktere. Sie sind vor allem Max, mal aber auch Itzig, stramme Nazis, jiddische Mamme oder israelischer Befreiungskämpfer. Mit körperbetontem Spiel eilen sie von der Geburt der beiden Jungen über die Pogro­me der „Reichskristallnacht“ und die Schoah bis zum Untergang Nazideutschlands, dann weiter nach Israel.

Max, der als Kind Jiddisch lernte und sich für die Bräuche des Judentums begeisterte, tötet als SS-Schlächter seinen Freund Itzig und dessen Familie im KZ. Um der Strafverfolgung zu entgehen, nimmt Max nach dem Krieg Itzigs Identität an. Schnell verinnerlicht er die Rolle so sehr, dass aus dem Täter ein Opfer wird. Max glaubt, so sühnt er seine Schuld. Als Itzig wandert er nach Palästina aus, wird dort Untergrundkämpfer für den neu gegründeten Staat Israel und steigt zum angesehenen Besitzer eines Friseursalons auf. Doch seine Vergangenheit lässt ihn nicht los.

Die Inszenierung ist ein Schnelldurchlauf durch über fünfzig Jahre wechselvoller Weltgeschichte. Erzählt aus der ungewöhnlichen Sicht eines oppor­tunistischen NS-Massenmörders. Einzig zwei Türrahmen im Gelb der Judensterne und zwei graue Kisten, die mal Klo, mal Sitzmöbel sind, benötigen Dupont und Klopp, um den gewaltigen Spannungsbogen lebendig zu machen. Ihnen gelingt eine sehenswerte Annäherung an den Roman.

Vagantenbühne, Kantstraße 12a, Charlottenburg. Termine 21.4., 5., 8. und 9. Mai, 20 Uhr