Kultur

Mozart verlangt eine virtuose Solisten-Show

Die unvollendete c-Moll-Messe KV 427 in der Philharmonie

Zuerst Schubert und Richard Strauss, jetzt Mozart: Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen ist Dirigent Daniel Harding bei den Philharmonikern zu Gast – mit zwei Programmen, die einander vermutlich ergänzen sollen. Doch natürlich funktioniert das aktuelle Mozart-Programm auch für sich allein genommen. Und zwar vor allem als gute Gelegenheit, Mozarts unvollendeter c-Moll-Messe KV 427 zu begegnen. Ein 55-minütiges Werk, das die Philharmoniker zuletzt im Jahr 2000 gespielt haben – unter Claudio Abbado, dem einstigen Lehrer und Mentor von Daniel Harding. Und noch eine weiterer Umstand verweist auf die Abbado-Aufführung: Erneut ist der Schwedische Rundfunkchor dabei. Und er dominiert das Geschehen. Stachelt die begleitenden Philharmoniker dazu an, auch ihrerseits kräftig aufzudrehen. Solange Chor und Orchester nun unter sich sind, besteht keine Anlass zur Sorge. Schwierig wird es allerdings, wenn die Gesangssolisten hinzukommen. So schlucken die Philharmoniker leider einige Töne der feinsinnigen Sopranistin Genia Kühmeier. Und auch die extrovertiertere, schneidige Lucy Crowe hat zu Beginn deutliche Probleme mit der Balance.

Dazu kommt noch, dass Crowes Partie ohnehin mit zahlreichen Mozart-Gemeinheiten gespickt ist: ein Stimmumfang von mehr als zwei Oktaven mit dem dreigestrichenen „c“ als Spitzenton. Heftige Intervall-Sprünge und Intervall-Stürze, die schon fast akrobatisch wirken. Und immer wieder weite Strecken in höchsten Höhen. Mozart verlangt hier eine virtuose Solisten-Show, die noch im 18. Jahrhundert keineswegs typisch für die Gattung Messe war – ebenso wenig, wie das opernhaft strahlende „Credo“ und die tänzerischen und pastoralen Elemente im „Gloria“. Auffällig auch, wie viele barocke Stilmittel des Schmerzes und der Freude in dieser Mozart-Messe von 1782/83 zu finden sind, und zwar im Sinne altertümlicher Zitate.

Harding und die Philharmoniker nähern sich dieser Musik mit einer Mischung aus Schärfe und Geschmeidigkeit, mit einer Kombination aus historischen Erkenntnissen und gesundem Menschenverstand. Wobei der gesunde Menschenverstand auch Zugeständnisse an die Sitz- und Stehgewohnheiten der Philharmonikern einschließt: Die Kontrabässe befinden sich traditionell ganz rechts außen, weit entfernt von den übrigen Begleitinstrumenten der Basso-Continuo-Gruppe in der Podiumsmitte – was eine schlüssige gemeinsame Gestaltung der Bass-Fundamente nicht gerade leicht macht.