Kultur

Julia Kleiter singt den unbekannten Schubert

Ist der dunkle Klang zu Beginn eine schützende Rüstung für die Sängerin? Im Pierre Boulez Saal singt Julia Kleiter unbekannte Lieder von Franz Schubert. Julia Kleiter ist Sopranistin mit Mozart-Schwerpunkt. Doch dieser dunkel gefärbte Ton in den biedermeierlichen Schubert-Liedern „Die Macht der Liebe“, „Die abgeblühte Linde“ und „Das Weinen“? Keineswegs unangenehm ist er. Im Gegenteil, Kleiter nimmt jeden dieser Töne voll aus dem Körper, eine wundersame Rundung des Klangs stellt sich ein. Wenn die Linde dann abgeblüht ist, kann Julia Kleiter auch sofort mit einem hervorragend abgehangenen Pianissimo überzeugen. In „Sehnsucht“, jenem berühmten Lied des unglücklichen Waisenkindes Mignon aus Goethes „Wilhelm Meister“, weiß Kleiter nach einem leichtfüßigen Beginn das dramatische Potenzial ihrer Stimme trefflich einzusetzen.

Erstaunlich ist, dass die Stimme danach immer heller wird. Julia Kleiter wird im Laufe des Abends zum Sopran, nicht unbedingt zugunsten des Gesamtklangs. Nun ist Klavierbegleiter Michael Gees nicht gerade der Mann, der zu einer Gestaltung auf klanglicher Grundlage inspiriert. Gees spielt einen schüchternen, zurückgenommenen Schubert. Das ist in den zahlreichen Jünglingsgedichten des mecklenburgischen Pastors Ludwig Theobul Kosegarten, der unabhängig von seinem Namen ein ziemlicher Schwerenöter gewesen zu sein scheint, legitim. Der Pianist legt aber einen recht pauschalen Dämpfer über sein Spiel. Zwar geht er auf die Sängerin ein, aber dieses Spiel wirkt seltsam unkörperlich. Dafür gestaltet Julia Kleiter zunehmend aus der Sprache heraus: In dem Lied „Vor meiner Wiege“, changierend zwischen Todes- und Kindheitssehnsucht, schafft Kleiter es, die ungelenke Dichtung mithilfe von Schuberts Musik rhetorisch kunstvoll zu veredeln. Für Julia Kleiters subtil gestaltete gebrochene Naivität sind dies genau die richtigen Klavierlieder. Matthias Nöther