Kultur

Freude am Rauchen

Die Amerikanerin Nell Zink erzählt komisch-schräg von einer Hausbesetzer-WG, die wenig auf Gesundheit und viel auf Individualismus gibt

Von Rauchern und Hausbesetzern handelt Nell Zinks neuer Roman „Nikotin“, der mit viel Sympathie eine schrumpfende Subkultur beschreibt, die in der Gemeinschaft für größtmöglichen Individualismus kämpft. Im Zentrum der Geschichte steht Penny, eine junge Frau, die nach Abschluss des BWL-Studiums und der Sterbebegleitung ihres jüdischen Schamanen-Vaters nicht so recht weiß, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Ihre zwei Halbbrüder stehen, wesentlich älter, bereits voll im Leben, ihre Mutter, die im kolumbianischen Kogi-Stamm geboren wurde, zunächst von Pennys Vater adoptiert, dann zur Frau gemacht wurde, hat dem Materiellen durchaus zugeneigt bei einer Bank Karriere gemacht. Niemand weiß nach dem Tode des Vaters so genau, wer jetzt eigentlich was von wem erben wird. Penny fällt die Aufgabe zu, sich um ein besetztes Haus zu kümmern, das die Familie verkaufen will und das von seinen Bewohnern „Nikotin“ genannt wird, weil auch in der Besetzerszene Raucher zur Randgruppe geworden sind, die sich folglich in einem extra Gebäude zusammenschließen müssen. Geraucht wird eine Menge in dem Roman, was 2018 auch ein bisschen trotzig wirkt.

Penny kommt als indigene Vertreterin einer Minderheit sofort in einem ebenfalls besetzten Nachbarhaus unter und verliebt sich in Rob, Bewohner des Nikotin, der Fahrräder repariert, wahnsinnig gut aussieht, sich zu Pennys Leid aber bewusst der Asexualität verschrieben hat. Gute Freundschaft reicht ihr nicht, Liebe gibt es nicht. Ohne zu wissen, dass Penny die Hausbesitzerin ist, zeigt Rob ihr die vermeintlich unbeherrschbare Absicherung der Besetzer gegen ihren Rauswurf: Es ist eine gestapelte Konstruktion aus Eimern, die mit fermentierten Fäkalien gefüllt sind, die bei jeder Berührung ins Schwanken gerät und droht das ganze Haus mit Exkrementen zu überschwemmen.

Nell Zink, Jahrgang 1964, die aus Kalifornien stammt, an der Universität Tübingen promoviert hat, heute im brandenburgischen Bad Belzig lebt und durch einen intensiven vogelkundlichen E-Mail-Austausch mit dem US-Literatur-Superstar Jonathan Franzen davon überzeugt wurde, ebenfalls ins Literaturgeschäft einzusteigen, hat 2016 ihren ersten Roman „Der Mauerläufer“ herausgebracht, wurde mit ihrem zweiten, nicht in Deutschland erschienenen Buch „Mislaid“ für dem National Book Awards nominiert und legt nun mit „Nikotin“ innerhalb von zwei Jahren bereits den dritten Roman vor.

Zink mag ihre durchgeknallten Charaktere, sie liebt das Schrullige und Absurde, das die irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein scheinende Besetzerszene noch immer, oder besser, heute wieder neu hergibt. Denn Zink hat den Wandel der Szene gut beobachtet, die von einer neuen Generation von Anarcho-Hipstern beflügelt wird und extrem divers ist: jeder einzelne mit seinem eigenen Anliegen, seiner eigenen Not oder seiner eigenen Utopie, die er irgendwie in diese kommunale Verbindung einbringt und andere Individualisten als Gesamtkunstwerk toleriert.

Auch in Pennys Familie ist jeder auf seinem Egotrip, ihr reicher und von Aggressionsproblemen geplagter Halbbruder Matt greift in den Prozess der Hausbefreiung ein und verliebt sich hoffnungslos in eine Frau, die ihm völlig überlegen ist. Ihre Mutter, die zunächst ihrem in etwa gleichaltrigen Stiefsohn nachstellt und Vermutungen, der könnte der eigentliche Vater Pennys sein, immer wieder zurückweisen muss, erliegt dem Charme eines anderen Hausbesetzers, und Penny wird zur eigenen Karriere finden, ohne auf ihre neue große Besetzerfamilie gänzlich zu verzichten. In der Versöhnung von Subkultur und Kapital wird damit in diesem Roman die höchste Form der Toleranz des Individuums gefeiert. Wie bei vielen humoristischen Geschichten ist das Durchgeknallte dabei manchmal aber doch ein Stück zu viel. Die schmerzhaften Verwerfungen, die einzelne Figuren hier durchaus prägen, gehen ein bisschen unter in dem Gesamttableau, bei dem am Ende interessanterweise ein Zuviel an Geld vorhanden ist, das die Geschichte über alles trägt.