Kultur

Verschwendete Träume

Sturm und Drang der Nachkriegsgeneration: Kristine Bilkau schickt eine Tochter auf die Suche nach der großen Liebe ihrer Mutter

Die Eltern sterben, die Kinder verlassen das Haus, und wenn man Pech hat, passiert das auch noch gleichzeitig: Es gibt Zeiten, in denen die Melancholie des Abschieds das Leben bestimmt. So ist denn auch die Grundstimmung in Kristine Bilkaus neuem Roman „Eine Liebe, in Gedanken“, in dem sich die Hamburgerin, Jahrgang 1974, nach ihrem Debüt „Die Glücklichen“, in dem es um die Abstiegsängste der Mittelklasse ging, nunmehr eines Frauenschicksals der Nachkriegsgeneration annimmt.

Die Erzählerin der Geschichte lebt in Norddeutschland, ist ganz unspektakulär ziemlich glücklich verheiratet und hat eine 18-jährige Tochter, Hanna, die kurz vor dem Abitur steht und einen langen Urlaub, Interrail, ganz ohne Eltern plant. Das von der Mutter trotzdem gebuchte, viel zu große Ferienhaus in Südfrankreich steht nicht auf ihrer Route, so viel macht Hanna klar, und für die Zukunft sind die angedachten Wunschstudienorte ebenfalls alle mindestens 500 Kilometer von ihrer Heimatstadt entfernt.

Noch bevor die glückliche Abiturientin im Sommer wirklich geht, verstirbt Großmutter Antonia, Toni genannt, die zwar schon länger herzkrank war, aber so richtig zu rechnen war mit ihrem Tod trotzdem nicht. Natürlich hätte man sie öfter besuchen müssen, natürlich hätte die Familie darauf bestehen müssen, dass sie sich mehr bewegt, gesund ernährt, sich nicht von der Herzschwäche immer weiter nach unten ziehen lässt, aber genauso natürlich dachte man, man hätte noch Zeit, man könnte sich morgen, nächste Woche darum kümmern.

Das Auflösen des Haushalts steht ebenso an wie die Überwindung von Trauer und Gewissensbissen, und so beschäftigt sich Tonis Tochter immer mehr mit Edgar, diesem mysteriösen Mann, dessen Namen sie schon so lange kennt, und der ihrer Mutter ohne Frage eine Menge bedeutet hat. Es ist eine Liebesgeschichte ohne Happy End, die sie recherchieren wird, das steht von Anfang an fest, denn Tonis Tochter hat diesen Mann nie kennengelernt. Im Sommer kommt er immer aus dem Ausland in die Stadt in sein Elternhaus zurück, und irgendwie war er in Tonis Leben offenbar immer präsent. Was also war geschehen, warum sind Toni und Edgar nicht zusammengeblieben, warum hat Toni ihren ersten und zweiten Ehemann verlassen, wo gerade Nummer zwei ein so guter Stiefvater und liebevoller Mann gewesen sein soll? In Rückblenden wird diese Geschichte von Tonis Tochter im Roman so einfühlsam wie unentschlossen erzählt, dass sie die Leserschaft spaltet. Für die einen ist es eine wunderschöne, ergreifende, traurige Liebesgeschichte, während sich die anderen Edgar gerne mal vorknöpfen würden und in Tonis Liebe vor allem eine tragische Verschwendung sehen.

Toni also, es ist 1964, Toni hat kurze Haare, Toni zieht alleine in die Stadt, Toni wohnt in einem Haus mit Wirtin, die über Männerbesuche wacht, Toni ist lebenshungrig und neugierig und abenteuerlustig und traut sich was. Toni will die Pille, aber die Ärzte geben sie ihr nicht, weil das in den 60ern noch Teufelszeug für Schlampen ist und allenfalls an Mütter mit fünf Kindern verschrieben wird. Deshalb muss Toni nicht nur das eine Mal gedemütigt vom Arztbesuch abziehen, sondern später auch eine Fehlgeburt erleiden.

Dann ist da Edgar, ja, er ist schon ein netter Mann, irgendwie ein 50er-Jahre-Exemplar, der Toni gut behandelt, der sie liebt, der aber auch immer wieder zögert, ein Bedenkenträger, ein geborener kleiner Angestellter ist. Als sich die Chance auftut, für seine Firma nach Hongkong zu gehen, ist es Toni, die die Erdkugel kreisen lässt, Toni, die das Fernweh spürt, während Edgar nur Unentschlossenheit und Mutlosigkeit in sich fühlt. Er wagt dennoch den Schritt, lässt Toni in Hamburg zurück. „In der Straße ihrer Firma befindet sich ein Antikladen. Seit einigen Wochen steht dort ein Globus. Dreimal war sie in dem Geschäft, um sich diesen Globus anzusehen, ihn langsam zu drehen, die Entfernungen zu betrachten, um mit dem Finger von sich nach Hongkong zu gleiten, um es für einen Moment zu begreifen, zwei Punkte, zwei Orte, schon auf dieser kleinen Kugel ist es eine weite, weite Strecke von ihr zu ihm.“

Verlobung per Brief – dann das unendliche Nichts

Fernbeziehung. Edgar ist gut organisiert. Zwei Briefe werden immer in einem Umschlag losgeschickt. Telefonieren ins Ausland ist in den 60ern ein unbezahlbares Abenteuer. Toni wartet und wartet. Sie schreibt ihm Briefe, die ihn glücklich machen sollen, die ihn überzeugen sollen, dass er kein „Herr Niemand“ ist. Dann: Ein Telegramm, Verlobung per Brief, die Anweisung, Job und Wohnung zu kündigen, die Koffer zu packen, Mitbringsel einzukaufen, ein neues Leben zu beginnen. Und dann? Das unendliche Nichts. Kein Datum, kein Ticket, keine Erklärung. Ein Kurztelefonat, Gestammel.

Eine junge Frau steht vor den Trümmern ihres Lebens. Sie rappelt sich auf, heiratet, wird Mutter, heiratet erneut, entschließt sich für die Freiheit, ihre Freiheit, ein Leben nur für sich und ihr Kind. Aber ist das Freiheit, wenn diese „Liebe, in Gedanken“ bis zum Ende bleibt? Hätte man Toni nicht am besten rütteln und diesen Edgar aus ihr rausschütteln müssen?

Tonis Tochter wird ihn ein einziges Mal treffen, aber es ist eigentlich egal, was er von sich geben wird. Bilkau verzichtet auf das große Drama, sie verurteilt nicht. Die Zeit hat es nicht gut gemeint mit Toni, so viel steht fest, die gesellschaftliche Enge war mit Sicherheit ihr Problem. Solche Edgars aber gibt es zu allen Zeiten, männliche wie weibliche Exemplare. Der Roman zeigt, wie wichtig doch das Loslassen ist.