Kultur

Keine Angst vor großen Gefühlen

Bariton Vladimir Korneev singt französische Chansons, russische Romanzen und eigene Lieder über die Liebe in der Bar jeder Vernunft

Einen Abend über die Liebe mit einem Requiem zu beginnen, einem Abgesang und Abschied also, zeugt von einem sehr wehmütigen Blick auf das schönste Gefühl der Welt. Mit seinem opulenten Bariton schwelgt Vladimir Korneev regelrecht im Schmerz, lässt ihn nachklingen. Zumindest für einen Moment. Dann geht es atemlos weiter zum nächsten Song. Etwas leichter, aber auch emotional gehaltvoll. Allein beim Zuhören mag einem das Herz in tausend Teile zerspringen. Doch bevor es zu heftig wird, nimmt der Chansonnier dem Drama gekonnt mit leiser Ironie die Spitze.

Bei der Uraufführung seines neuen Programms „Liebé“ begibt sich Vladimir Korneev in der Bar jeder Vernunft auf eine wohlige Achterbahnfahrt der Gefühle. Er singt französische Chansons, russische Romanzen und neue deutsche Lieder. Letztere sind Eigenkompositionen von Korneev, mit wunderschönen Texten von Carsten Gohlbeck veredelt. Wie der Song „Wenn ich fühl“, in dem der 30-Jährige unumwunden zugibt, dass ihm alles, was er singt, zum Chanson gerät. Bei ihm nicht bloß ein musikalisches Genre, sondern eine innere Haltung.

Angst vor den ganz großen Gefühlen hat der Münchner nicht. Sie geraten bei ihm nie seicht oder gar kitschig. Selbst, wenn er mit melodramatisch aufgepeitschter Stimme singt. Korneev weiß genau, wann er eine üppige Dosis Sehnsucht mit einem Quäntchen trockenen Humors mischen muss. Oder wann er glühende Sehnsucht in leisen Tönen einfangen muss. Wie in Jacques Brels unverwüstlichem Chanson-Klassiker „Bitte geh nicht fort“, den Korneev in der bitterzarten Version von Marlene Dietrich singt.

Sein Handwerk hat der gebürtige Georgier, der siebenjährig mit seinen Eltern als Kriegsflüchtling nach Bayern kam, von der Pike auf gelernt. Nach dem Abitur absolvierte er ein Schauspiel- und Gesangsstudium an der Bayerischen Theaterakademie, schloss mit Auszeichnung ab. Beim Bundeswettbewerb Gesang konnte er dreimal in Folge Preise abräumen. Er dreht für Film und Fernsehen, steht auf Theater- und Musicalbühnen. Seine wahre Berufung aber ist das Chanson. Vladimir Korneev lebt seine Lieder, macht aus ihnen Dramolette. Mal mit großer Geste, mal eher zurückhaltend. Dafür mit versierter, unglaublich nuancenreicher Mehroktaven-Stimme.

Begleitet wird Korneev vom fabelhaften Pianisten Liviu Petcu. Bei seinen eigenen Liedern sitzt er jedoch meist selbst am Flügel. Er versteht es zudem vortrefflich, berühmten Songs eine höchst eigenwillige In­terpretation einzuhauchen. Wie Charles Aznavours „Quiet Love“, das noch melancholischer gefärbt ist als das Original. Ohnehin besitzt Korneevs Chanson-Kosmos oft genug eine Düsternis, die an Leonard Cohen erinnert. Heitere Melodien bekommen an diesem Abend wenig Raum. Liviu Pectu gelingt mit seinem Klaviersolo aus Tschaikowskys „Jahreszeiten“ eine entspannte Auszeit. Das ist aber nur ein kurzes Durchatmen. Wer zu Vladimir Korneev geht, will Leidenschaft und Gefühl. In seinen Chansons können sich nicht nur Liebende verlieren.

Bar jeder Vernunft, Schaperstr. 24, Wilmersdorf, Tel. 883 15 82. Termine: 24./25. /27./28.4. um 20 Uhr, 22. & 29.4. um 19 Uhr

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