Kultur

Das Leben von Malala packend auf die Bühne gebracht

Die beiden Mädchen kichern und giggeln selbstversunken, wie es nur Teenager können. Dann plötzlich wird ihr Bus gestoppt. Ein bewaffneter Mann steigt ein und fragt nach Malala. Schüsse fallen. Man weiß von dem Attentat der Taliban vor sechs Jahren auf die Kinderrechtsaktivistin Malala Yousafzai, hat davon gehört oder gelesen. Die damals 15-Jährige wurde lebensbedrohlich verletzt, hat aber überlebt und wurde in der Folge weltweit zum Vorbild. Und doch ist man unfassbar schockiert, wenn man diesen Anschlag nun bei der Uraufführung der Bühnenbiographie „Malala“ im Atze Musiktheater miterlebt.

Man sieht nicht wirklich etwas, nur ein paar verwackelte Schwarzweiß-Bilder, live gestreamt. Doch das Entsetzen darüber hallt noch lange nach. Das liegt auch an der Unmittelbarkeit des Geschehens, denn Regisseurin Gökşen Güntel hat die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne komplett aufgehoben. Man sitzt mittendrin bei dem Stück für Menschen ab zehn Jahren, das in weiten Teilen auf dem Kinderbuch „Malala – für die Rechte der Mädchen“ von Raphaële Frier und Aurélia Fronty beruht. So erlebt man die Geschichte direkt mit. Hinten auf Bänken, davor haben es sich die Kids auf Teppichen gemütlich gemacht. Währenddessen entspinnt sich Malalas Leben in der gesamten Studiobühne. Atmosphärisch getragen von Sebastian Dreyers Live­musik. Kompositionen auf Sitar, Tabla, Zither und Glockenspiel.

Malalas Mutter (Javeh Asefdjah) wurde traditionell erzogen. Sie ist Analphabetin, will aber, dass ihre Tochter lernt. Der Vater (Rasmus Max Wirth) gründet eine Schule und unterrichtet selbst. Die fröhliche, wissbegierige Malala (Dela Dabulamanzi) betet dafür, dass alle Kinder eine Chance auf Bildung bekommen. In ihrer berühmten Rede später vor den Vereinten Nationen wird sie sagen: „Bücher und Stifte sind unsere mächtigsten Waffen.“

Malala will die Welt verändern. Erst recht, als die Taliban ihre Heimat besetzen. Unter dem Regime der Terrormiliz verwandelt sich das bis dahin paradiesische Swat-Tal der Paschtunen an der Grenze von Pakistan und Afghanistan in einen Albtraum. Vor allem für Mädchen und Frauen, denen jedes Recht auf Bildung verwehrt wird. Malala beweist Mut, als sie mit nur elf Jahren ein Online-Tagebuch bei der BBC über die Zustände veröffentlicht. Und gerät, wie ihr Vater, in die Schusslinie der Terroristen.

Das Stück gerät zuweilen etwas ­pathetisch, ist aber in jedem Moment mitreißend und äußerst gelungen. Auch durch das unglaublich intensive Spiel der drei Schauspieler. Malalas Leben berührt und inspiriert. In der Realität ohnehin, und jetzt auch auf der Bühne. Die Premiere schlägt allerdings noch aus einem anderen Grund hohe Wellen. Sie findet in Anwesenheit des pakistanischen Botschafters und zahlreicher Politiker statt, darunter etwa dem Grünen Cem Özdemir, der seinen Sohn mitgebracht hat. Sie sind wie alle gefesselt bis zur letzten Sekunde.

Atze Musiktheater, Luxemburger Str. 20, Wedding, Tel. 81 79 91 88. Nächste Termine: 18.4., 23. & 24.5., 10 Uhr, 21.4. & 26.5., 15 Uhr