Kultur

„Der CD-Markt überlebt nicht“

Star-Geigerin Julia Fischer über ihre Familie und warum sie ihre Musik lieber online vermarktet

Maximal 60 Konzerte im Jahr – „mehr will ich aus familiären Gründen nicht spielen“, sagt Julia Fischer. Statt auf ausgedehnte Tourneen konzentriert sich die Star-Geigerin lieber auf ihre Familie. „Wenn man zwei Kinder hat, möchte man die ja auch großziehen – schließlich möchte ich auch Teil ihrer Entwicklung sein.“ Was die 34-Jährige indes nicht davon abgehalten hat, ein neues Internetportal aufzubauen: Im „JF Club“ bietet Fischer in Videos und Texten Einblicke in ihre Arbeit und ihr Leben sowie neue Aufnahmen, die nicht auf CD erhältlich sind – exklusiv für zahlende Mitglieder (15 Euro pro Monat oder jährlich: 50 Euro). Christoph Forsthoff sprach mit ihr vor ihrem Berliner Konzert mit dem Philharmonia Orchestra London.

Warum haben Sie sich mit Ihrer Musik auf eine eigene Plattform zurückgezogen?

Julia Fischer: Ich habe einen recht unabhängigen Geist und freue mich, wenn ich diese Sachen selber in der Hand habe – schließlich geht es ja um meine Person und Persönlichkeit. Nichtsdestotrotz ist die Idee des Clubs vor allem, Grenzen zu sprengen und Barrieren abzubauen, die viele Menschen haben, wenn sie ins Konzert gehen wollen.

Welche Barrieren?

Ich bin mit sehr vielen Leuten befreundet, die mit Musik wenig am Hut haben – gebildete, auch kultur­interessierte Menschen, die sich aber scheuen ins Konzert zu gehen, wenn da auf dem Programm Szymanowski steht. Und da sehe ich mich in einer gewissen Bringschuld. Ich hatte Zeit, konnte mich mit dem Werk auseinandersetzen, es mir anlesen und mich informieren, es üben und mir Aufnahmen anhören. Und dann finde ich das Werk fantastisch, gehe auf die Bühne und freue mich auf das Konzert.

Während im Publikum kaum einer das Werk kennt, viele vermutlich noch nie etwas von Szymanowski gehört haben.

Und das ist heute auch nicht zu erwarten. Vor 200 oder 300 Jahren gab es sehr viele Leute, die neugierig waren auf die jeweils neue Sinfonie von Beethoven, Mozart oder Haydn. Darüber wurde in der Stadt gesprochen, man freute sich auf die neue Oper – wenn ich heute sage, ich spiele das Violinkonzert von Andrey Rubtsov, dann heißt es: „Ach verdammt, warum spielst du denn nicht Tschaikowsky?“ Und eben das möchte ich über meine Web-Plattform wieder umdrehen, um dann zu hören: „Interessant – wer ist das? Was ist das Spannende an dem Stück?“

Und Sie glauben, dass die Leute sich tatsächlich auf ein Konzert vorbereiten, indem Sie auf Ihre Webseite gehen und in den JF Club eintreten?

Sicherlich nicht alle – aber manche stellen dann vielleicht im Nachhinein fest: Es wäre interessant gewesen, wenn ich es im Vorfeld gemacht hätte. Solch eine Gemeinde aufzubauen, wird Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern. Aber die Clubmitglieder haben ja etwa auch die Möglichkeit, an Proben teilzunehmen – und selbst wenn es nur wenige sind, so wächst doch die Neugier auf Neues. Und das ist mir sehr wichtig.

Nun sind an den Proben noch weitere Musiker oder gar Orchester beteiligt – was sagen die denn zu solchen Probenbesuchen?

Von der Idee sind eigentlich alle begeistert – und alle sind überrascht, dass jemand bereit ist, die Zeit zu investieren. Die Zeit nehme ich mir natürlich woandersher. So bin ich weder auf Twitter noch auf Instagram, kümmere mich auch nicht selbst um meine Facebook-Seite – denn was ich vermeiden möchte, ist Oberflächlichkeit. Ich möchte nicht einfach einen Gedanken haben, den ich gleich in die Weltgeschichte poste, weil ich denke, das sei mal wieder Gold, was aus meinem Mund kommt … (lacht) Und es nützt dem Publikum ja auch nichts zu wissen, dass ich heute die Spaghetti mit Trüffelsoße gegessen habe und deswegen der Beethoven besser wird.

Werden Sie tatsächlich künftig keine klassischen CDs mehr aufnehmen?

Ja.

Ist der CD-Markt tot?

Tot ist er natürlich nicht, doch der CD-Markt im herkömmlichen Sinne wird nicht überleben. Es gibt einen Aufnahmemarkt, der riesig ist und auch riesig bleiben wird – aber von der Idee der CD werden wir uns verabschieden. Das Problem ist ja auch: Nehme ich eine CD auf, bin ich limitiert auf eine Spielzeit zwischen 60 und 80 Minuten – ein völliger Quatsch in der heutigen Zeit! Warum kann ich nicht einfach nur das Mendelssohn-Violinkonzert aufnehmen? Stattdessen muss ich mir dann unbedingt ein zweites Werk ausdenken, das dazu passen muss. Im Idealfall für die Marketingleute noch mit einer Story dahinter, warum jetzt gerade diese beiden Werke.

Ist es nicht so, dass Sie bei einem Label viel mehr Geld verdienen können?

Mit Aufnahmen verdient man schon seit Jahren kein Geld mehr – mit einem einzigen Konzert verdiene ich immer mehr als mit einer CD. Aber ich nehme ja eine CD auch nicht wegen des Geldes auf, sondern weil ich etwas Bleibendes schaffen möchte.

Wer also von Ihnen daheim ein Werk hören möchte, muss Clubmitglied werden und sich vor den PC hocken?

Noch gibt es zwar keine Möglichkeit, die dortigen Aufnahmen abzuspeichern, aber das Schöne an der ganzen Clubgeschichte ist ja, dass es sich um einen Prototyp handelt und ich das Konzept jederzeit verändern kann. Möglicherweise bringe ich die eine oder andere meiner Clubaufnahmen in einer „Limited Edition“ auf CD heraus und verkaufe diese dann bei Konzerten. Und vielleicht stelle ich die älteren Projekte auch auf iTunes & Co. ein, sodass die Leute sich diese dann dort besorgen können.

Andere Künstler sagen, die Klassik müsse sich einem breiteren Publikum öffnen, wie es etwa ein David Garrett macht. Lässt sich mit seiner Art ein breiteres Publikum gewinnen?

Nein, das ist nur ein Weg, wie man ein breiteres Pu­blikum an David Garrett heranführt, aber nicht an die klassische Musik. Was nichts damit zu tun hat, dass man sich selber zu ernst nimmt, doch die Musik und auch die Werke der Komponisten sollte man schon ernst nehmen. Und wenn ein Beethoven-Violinkonzert 45 Minuten dauert, ist es nun mal so, und ich kann es nicht auf 20 Minuten einkürzen. Es gehört einfach auch dazu, dass das Publikum gezwungen wird, sich hinzusetzen und sich zwei Stunden lang zu konzentrieren. Gerade in der heutigen Zeit, wo jeder am Smartphone hängt – ja, viele schaffen es ja schon nicht mehr, ein Gespräch zu führen, ohne aufs Handy zu schauen, weil sie in der Sorge sind, etwas zu verpassen.

Konzert: Philharmonie, 24. April, 20 Uhr. Neue Aufnahme im JF CLUB der A-Dur-Sonate des Komponisten César Franck: Veröffentlichung am 20. April.