Kultur

Bei Yuja Wang wird das Klavier zum Schlagzeug

Kirill Petrenko dirigiert die Berliner Philharmoniker

Klarer Kurswechsel, indirekte Kritik an Chefdirigent Sir Simon Rattle – Neu-Intendantin Andrea Zietzschmann hatte bereits im vergangenen Oktober angedeutet, was sich für die Philharmoniker unter Nachfolger Kirill Petrenko ändern wird. Im Wesentlichen drei Dinge: intensivere Pflege der Wiener Klassik, intensivere Pflege der klassischen Moderne. Und nicht zuletzt auch die gezielte Beschäftigung mit Werken, die in der Geschichte der Philharmoniker eine Rolle gespielt haben. Mit anderen Worten: eine konservative Wende in mehrfacher Hinsicht. Und eine bewusste Abkehr von Rattles unersättlicher Repertoire-Neugier. Das Bemerkenswerte daran: Schon lange bevor Petrenko den Chefdirigenten-Posten planmäßig im Herbst 2019 übernimmt, scheint rückblickend jeder seiner Berliner Gastauftritte ein Beitrag zum zukünftigen Repertoire der Philharmoniker gewesen zu sein. Man denke beispielsweise an Mozarts „Haffner“-Sinfonie (Wiener Klassik!), die er mit den Philharmonikern im März 2017 gespielt hat. Oder an Skrjabins „Poème de l’extase“ (klassische Moderne!) von Dezember 2012.

Und auch Petrenkos jüngstes Philharmoniker-Programm fügt sich in dieser Hinsicht nahtlos ein. Es bewegt sich ausschließlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Prokofieffs Klavierkonzert Nr. 3 ist dabei ganz klar die Haupt­attraktion dieses Abends. Und dies vor allem, weil die Chinesin Yuja Wang in die Tasten greift. Eine Pianistin, halb Zirkuspferd, halb Maschine. Mit reißerischen Rekordtempi in den Außensätzen und gnadenlos präzisen Akkordattacken. Wer schon immer vermutet hatte, dass das Klavier ein Schlagzeug ist, wird sich durch Yuja Wang bestätigt fühlen.

Umso nobler und duftiger Paul Dukas’ Ballettmusik „La Péri“ zuvor – eine Rarität von hohem kompositorischen Rang, die an Ravel erinnert. Eine ist es Freude hier, wie Petrenko die Philharmoniker atmen und genießen lässt.

Viel Zug und Druck dagegen bei Franz Schmidts Vierter Sinfonie, der zweiten Rarität des Abends. Ein Werk aus dem Jahre 1933, das sich allerdings eher nach 1860 anhört – inklusive spätromantischem Trauerflor und gewichtigen Bandwurm-Kantilenen.

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