Kultur

Eine andere Art von Trauer

Das Genre des zweiten Romans von John Darnielle bleibt rätselhaft – und nicht nur das. Verwirrung ist ein Teil des Gesamtpakets

Jeremy, 22 Jahre alt, lebt mit seinem Vater seit sechs Jahren allein in einer abgeschiedenen Kleinstadt in Story County, Iowa. Seine Mutter ist 1994 auf den einsamen verschneiten Straßen der Gegend Opfer eines Autounfalls geworden, der Verlust und die Trauer bestimmen das Leben der beiden immer noch. Jeremy jobbt in der Videothek des Ortes und bringt jeden Abend Filme mit, die er mit seinem Vater gemeinsam ansieht. Es ist 1999, schon bald werden DVDs die wuchtigen Kassetten verdrängen, ein bisschen später wird dann auch schon das große Videothekensterben beginnen. Hier und jetzt ist das kleine Geschäft noch eine Art Kommunikationszentrum eines Ortes, wo es wenig andere Freizeitvergnügungen gibt. Der Vater treibt den Sohn an, endlich eine Ausbildung, sein eigenes Leben zu beginnen, aber der zögert noch.

In der Videothek häufen sich die Beschwerden über minutenlange Unterbrechungen in den ausgeliehenen Filmen, in die offenbar längere Sequenzen einkopiert worden sind, die die Betrachter extrem beunruhigen und erschrecken. Sind in der Nähe düsterer Scheunen, die verwackelt auftauchen, etwa Menschen zu sehen? Sind sie tot oder lebendig? Woher kommen die Atemgeräusche, wird da jemand gequält, gefoltert gar? Jeremy und eine junge Frau versuchen das Geheimnis gemeinsam zu lüften. Der Vorfall hilft Vater und Sohn, sich aus der jahrelangen Trauerroutine ihres Lebens zu lösen, schon bald wird auch der Vater erstmals wieder mit einer Frau ausgehen.

In einem anderen Handlungsstrang gerät eine junge Mutter nach und nach in den Bann einer Sekte mitsamt ziemlich durchgeknalltem Guru im nachgeahmten Jesus-Stil. Sie verliert Gewicht, sammelt Essensreste, bekommt Ärger in der klassischen Bibelgruppe des Ortes, zieht sich immer mehr aus allem zurück und verschwindet schließlich spurlos. Mann und Tochter bleiben ratlos und verzweifelt zurück. Die Sekte hinterlässt eine ganze Spur zerstörter Familien quer durchs Land, aber aufzufinden ist sie trotz eigens engagierter Detektive nicht. Es ist ein anderer Verlust als der Autounfall von Jeremys Mutter, eine andere Art von Trauer, aber auch hier kämpfen die Zurückgebliebenen mit ihren Erinnerungen.

Nicht nur das Genre des zweiten Romans von John Darnielle bleibt bis zum Ende rätselhaft. Gruselig, rätselhaft, atmosphärisch dicht: John Darnielles „Rekorder“ spielt mit den Motiven des Horrorromans und ist es trotzdem nicht. Handlungsstränge tauchen auf und verschwinden, neue Protagonisten werden mit nicht handlungsrelevanten Verwicklungen in die Geschichte eingefügt, ein allwissender Erzähler macht den Leser auf alternative Lebensabläufe aufmerksam, die aber eben nicht passieren werden. Es werden zahlreiche Spuren gelegt, die nur teilweise aufgedeckt werden, Unfälle passieren einfach so.

Von der Kritik nach seinem Erstlingsroman „Wolf in White Van“, der für den National Book Award nominiert war, mit reichlich Sympathie begleitet, hat der Sänger und Songwriter der Indie-Rockgruppe „The Mountain Goats“ diesmal bei seinen Lesern einigen Widerspruch ausgelöst. Zu wirr, zu rätselhaft das Ganze, und Horror im klassischen Sinn sei das halt auch nicht.

Tatsächlich wird dem Leser eine gewisse Bereitschaft abverlangt, sich der Geschichte völlig unvoreingenommen und ohne Erwartungen zu stellen. Der für seine poetischen Songtexte gefeierte Autor, Jahrgang 1967, der sich hier erneut mit Traumata junger Erwachsener auseinandersetzt und selbst auf Gewalterfahrungen in der Kindheit mit seinem Stiefvater zurückblicken muss, hat strukturelle Probleme mit der langen Form.

Vom Verlag durchaus passend mit den surrealen Filmen David Lynchs verglichen, ist die ausgelöste Verwirrung beim Lesen jedoch auch Teil des Gesamtpakets: Die menschlichen Abgründe von Trauer und Einsamkeit, die Darnielle hier beschreibt, sind in ihrer Wirkung ähnlich wie die rätselhaften Filmsequenzen in seiner Geschichte. Sie beunruhigen, sie kriegen ihre Leser, auch wenn die gar nicht so genau wissen, warum eigentlich.