Literatur

Der lange Schatten des Terrors

Mit „Patria“ hat der Sapnier Fernando Aramburu ein großartiges Epos geschrieben über die Narben, die die ETA im Baskenland hinterließ.

the writer Fernando Aramburu wife during the presentation of the book SELF AUTORRETRATO SIN MI at the Instituto Cervantes, Madrid. Spain. March 5, 2018 (Photo by Oscar Gonzalez/NurPhoto) | Keine Weitergabe an Wiederverkäufer.

the writer Fernando Aramburu wife during the presentation of the book SELF AUTORRETRATO SIN MI at the Instituto Cervantes, Madrid. Spain. March 5, 2018 (Photo by Oscar Gonzalez/NurPhoto) | Keine Weitergabe an Wiederverkäufer.

Foto: Oscar Gonzalez / picture alliance / NurPhoto

Eine alte Frau steigt aus dem Bus und läuft langsam durchs Dorf zum Friedhof. Eine alltägliche, ganz normale Verrichtung, könnte man meinen. Und heißt es nicht, alte Menschen nehme man sowieso kaum mehr wahr? Nicht so aber in diesem Fall. Denn die Frau ist Witwe, ihr Mann wurde vor vielen Jahren von der ETA erschossen und liegt auf diesem Friedhof begraben.

Man hat damals kein Mitleid mit der Frau gezeigt. Entweder hat man offen mit der ETA sympathisiert oder sich nicht getraut, sich dagegen zu positionieren. Unter dem gesellschaftlichen Druck musste die Witwe wegziehen, in die nahe Großstadt San Sebastián. Jetzt aber, nach vielen Jahren und nachdem sich die Terrororganisation im Baskenland offiziell aufgelöst hat, kehrt die Witwe zurück. Besucht das Grab ihres Mannes. Kehrt auch in ihr altes Haus zurück, das seit Jahren leer steht. Und jeder im Ort registriert das. Noch einmal wird das ganze Dorf aufgewühlt.

Der Riss der Gesellschaft, in zwei Familien gespiegelt

Das ist der Ausgangspunkt des großen, episch angelegten Romans „Patria“ des spanischen Schriftstellers Fernando Aramburu, der von den Wunden erzählt, die die ETA in ihrem Terrorkampf hinterließ. ETA, das stand für „Euskadi Ta Askatasuna“, baskisch für „Baskenland und Freiheit“. Über 800 Morde wurden in ihrem Namen verübt, an spanischen Polizisten, aber auch an Basken, die nicht für ihre Sache gekämpft, die sie nicht unterstützt haben.

Aramburu weiß, wovon er schreibt. Er ist 1959 selbst in San Sebastián, einst eine Hochburg der ETA, aufgewachsen. Ging dann aber nach Saragossa. Um zu studieren. Und auch, um dem Knebel der ETA zu entkommen. Um sich gar nicht erst dem Verdacht auszusetzen, irgendwie parteiisch zu sein, hat der Schriftsteller sein Opus Magnum als raffiniertes Porträt zweier Familien angelegt, die miteinander befreundet waren, bis der Riss, der durch ihr Land geht, auch sie auseinanderbrachte.

Wie aus Freunden Fremde werden

Er handelt zuvorderst von zwei starken Frauen, die in jungen Jahren zusammen ins Kloster gehen wollten und sich als Nachbarn weiter eng verbunden blieben. Auch als die eine, Bittori, den erfolgreichen Unternehmer Txato heiratet, während die andere, Miren, den eher glücklosen Arbeiter Joxian ehelicht. Auch die Männer werden, trotz der sozialen Unterschiede, Freunde. Bis Txato die ersten Geldforderungen erhält und bald auch Beleidigungen und Drohungen an die Wände geschmiert werden.

Während Bittoris hitziger Sohn Joxe Mari sich zunehmend von der ETA begeistern lässt und auch die Mutter ansteckt. Eines regnerischen Tages wird Txato dann erschossen. Und Jahre lang stellt sich Bittori die quälende Frage, ob der Sohn der einstigen Freundin, der nun als Terrorist im Gefängnis sitzt, etwas damit zu tun hatte.

Fernando Aramburu: Patria. Rowohlt, 768 Seiten, 25 Euro

Die Geschichte einer Krisenregion, verdichtet auf zwei Familien, Opfer und Täter. Und doch zugleich virtuos aufgefächert in zahlreiche Perspektiven und kühne Zeitsprünge. Wir erleben die Figuren ganz subjektiv, Bittori in ihrem Schmerz, auch ihrem Trotz, als sie wieder in ihr altes Dorf zurückkehrt, das symbolisch für das ganze Baskenland steht. Miren, die sich selbst als Opfer sieht, weil sie ihren Sohn seit Jahren nicht gesehen hat, und die Rückkehr ihrer einstigen Freundin mit Hass beobachtet.

Da sind auch noch die Kinder dieser Familien, die mit dem Trauma leben mussten. Nerea, die Tochter Bittoris, die (wie Aramburu) nach Saragossa flieht, um zu studieren, und Xabier, ihr Sohn, der Arzt wurde, um Leben zu retten, sein Beitrag gegen diesen sinnlosen Kampf. Aber da ist auch Arantxa, die Tochter Mirens, die als einzige mit der Nachbarsfamilie mitleidet, dies aber nach einem Schlaganfall nicht zeigen kann. Und da ist noch Gorka, der Bruder von Arantxa und JoxeMari, der sich nicht in den ETA-Kampf hineinziehen lassen will und schließlich (auch wie Aramburu) ein Buchautor wird. In baskischer Sprache zwar, aber von harmlosen Kindergeschichten.

Packend erzähltes Puzzlespiel

Oper wie Täter, alle sind sie Verlierer. Und all diese Figuren wachsen zu einem wunderbaren literarischen Chor voller unterschiedlicher Stimmen. Aramburu erzählt das meisterhaft in Ellipsen, wechselt in kurzen Episoden ständig die Perspektive und springt dabei forsch in den Zeitebenen vor und zurück. Dabei werden dieselben Ereignisse oft noch mal aus anderer Sicht geschildert – und ergeben plötzlich ganz anderen Sinn. Ein hochkomplexes Puzzlespiel, aber derart packend und einfühlsam erzählt, das man den dicken Wälzer nicht mehr weglegen mag.

„Patria“ heißt Vaterland. Aber was heißt das, welchen Stellenwert hat Heimat, wenn sie mit Blut befleckt ist? Wie lebt man mit einer solchen Schuld? We damit, nicht nur einen Menschen verloren zu haben, sondern auch noch sozial geächtet, wie ein Paria ausgestoßen zu sein? Und: Kann man je vergeben? Wie stark muss man dafür sein? Das sind die großen Themen, die dieses wuchtige Werk verhandelt.

Ein Spiegel auch für die aktuelle Krise

In Spanien ist Aramburu damit vor zwei Jahren ein echter Bestseller gelungen, der monatelang die Charts anführte. Er hat mehrere Preise dafür gewonnen. Und wird damit jetzt auch – obwohl er schon seit gut 30 Jahren nahezu unerkannt hier lebt – in Deutschland entdeckt als neue, starke Stimme der spanischen Literatur. „Patria“ verhandelt aber nicht nur die alten Risse zwischen dem Baskenland und dem Rest der Nation.

Der epochale Roman kann auch als mahnender Spiegel auf die aktuelle Krise durch die Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien gelesen werden. Dort geht es zwar nicht um Terror und Mord, aber doch auch um Unabhängigkeitsbestrebungen, die eine Region, ja eine Nation zu spalten drohen.