Echo 2018

Wenn Antisemitismus Preise gewinnt

Die Rapper Farid Bang und Kollegah könnten am Donnerstag einen Echo gewinnen. Doch Ihre Texte sind judenfeindlich und voller Gewalt.

Echo 2018: Das sagen die Stars über die Kontroversen um den Musikpreis

Echo 2018: Was sagen Mark Forster, Judith Holofernes und Johannes Strate über die wegen ihrer Texte kritisierten Rapper Farid Bang und Kollegah? Reporterin Johanna Rüdiger hat sie gefragt.

Echo 2018: Das sagen die Stars über die Kontroversen um den Musikpreis

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Ein Schatten liegt über der Verleihung des Musikpreises Echo. Der Vorwurf wiegt schwer: Judenfeindlichkeit. Die Rapper Farid Bang und Kollegah könnten bei der Verleihung am heutigen Donnerstag in der Messe Berlin für ihre Platte „Jung, brutal, gutaussehend 3“ mit dem Preis für das Album des Jahres ausgezeichnet werden. 30 Millionen Spotify-Streams erreichte das Album, Kollegah ist hierzulande einer der am häufigsten gestreamten Künstler aller Zeiten. Der Charterfolg und die Stimmen von Fachjuroren werden nun zusammengezählt und entscheiden so, ob die beiden Rapper zu Preisträgern werden.

Was bis vor kurzem kaum jemandem auffallen wollte: Zeilen wie „Mein Körper definierter als von Auschwitz­insassen“ sind nicht nur ziemlich geschmacklos. Sie fügen sich in das Bild einer deutschen Rap-Szene, die auch vor antisemitischen Äußerungen nicht halt macht. Denn die Zeile ist kein Einzelfall: bekannte Rapper wie Haftbefehl oder Bushido fielen bereits negativ auf.

Trotz Kritik wurde Album nicht vom Echo ausgeschlossen

Doch zurück zum Echo: Als die erwähnte Zeile nun im Vorfeld der Verleihung publik wurde, folgte scharfe Kritik von Holocaustüberlebenden und jüdischen Verbänden. Daraufhin ließ der Echo prüfen, ob die beiden Rapper nominiert bleiben. Vergangene Woche distanzierte sich nun der Ethikbeirat des Musikpreises von dem Album, doch von der Nominierung schloss man es nicht aus.

Es handele sich um einen „absoluten Grenzfall zwischen Meinungs- und Kunstfreiheit und anderen elementaren Grundrechten“, sagte der Vorsitzende des Beirats, Wolfgang Börnsen. Ein Grenzfall, weil die Texte voller Gewalt sind, frauenverachtend und als antisemitisch kritisiert werden. Aber man will das aushalten beim Echo. Scharfe Kritik daran kommt vom Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster: „Wenn Künstler wie Farid Bang und Kollegah, die diskriminierende und antisemitische Texte veröffentlichen, den Echo gewinnen sollten, ist dieser Preis wertlos“, schreibt er. Schon die Nominierung sei ein Skandal.

Am Mittwoch übte auch das Internationale Auschwitz Komitee scharfe Kritik an der geplanten Teilnahme der Rapper. Dies sei „für alle Überlebenden des Holocaust ein Schlag ins Gesicht und ein für Deutschland beschämender Vorgang“, hieß es.

Beide Rapper entschuldigen sich halbherzig

Den beiden Rappern dürfte zu Gute gekommen sein, dass sie sich entschuldigt haben. Wenn auch halbherzig. Farid Bang – ein Deutscher marokkanischer Abstammung, der sich selbst als „Berber-Rapper“ bezeichnet – erklärte erst nach der Kritik von Holocaustüberlebenden, die Textstelle sei unreflektiert gewesen. Kollegah, der bürgerlich Felix Blume heißt und mit 15 Jahren zum Islam konvertierte, bot seinen jüdischen Hörern gönnerhaft lebenslang freien Eintritt auf Konzerten an. Nach dem Motto: Wer jüdische Fans hat, kann doch kein Antisemit sein.

Allerdings trat er auf seinem Facebook-Profil gleichzeitig gegen die, wie er schreibt, „Mainstream-Medien“ nach: Was die „Bild“ vorhabe, sei versuchte Zensur und vergleichbar mit der Situation in „totalitären Staaten“. Die Zeitung hatte als erste die Antisemitismusvorwürfe erhoben. Einsicht sieht anders aus.

Kollegah fällt nicht zum ersten mal mit Antisemitismus auf

Und Einsicht ist wohl auch nicht zu erwarten von Kollegah. Denn er fällt nicht das erste Mal mit antisemitischen Texten und Symboliken auf. In älteren Stücken von Kollegah finden sich Zeilen, die nicht minder antisemitische Klischees bedienen: So rappt er etwa „Es ist die Endlösung der Rapperfrage: Kugeln ins Gesicht“ oder „Ich leih dir Geld, doch nie ohne ‘nen jüdischen Zinssatz.“

In einer kürzlich ausgestrahlten Doku des WDR kritisiert der Politikwissenschaftler Jakob Baier das Musikvideo zu Kollegahs Song „Apokalypse“ als antisemitisch. Darin trägt ausgerechnet der Stellvertreter des Teufels das Symbol des Judentums: den Davidstern. Im letzten Teil des Songs, der mit „Eden“ betitelt ist, stellt sich Kollegah vor wie Buddhisten, Muslime und Christen die zerstörte Welt wiederaufbauen. Von Juden ist nach der Apokalypse keine Rede mehr.

Auch andere Rapper fielen mit antisemitischen Statements auf

Doch bereits vor Kollegah fielen Rapper, meist mit arabischem Migrationshintergrund, mit antisemitischen Statements auf: Der Berliner Rapper Bushido hat seit 2013 eine Karte auf seinem Twitter-Profil, die den Nahen Osten ohne Israel zeigt. Die ehemalige Grünen-Chefin Claudia Roth sprach schon damals von einer „dreisten Leugnung des Existenzrechts Israels“. Im April 2018 prangt das Bild immer noch prominent auf seinem Profil. Rapper Haftbefehl rappte Zeilen wie „ticke Kokain an die Juden von der Börse“, entschuldigte sich aber später umfassend.

Judenfeindliche Klischees zu verbreiten, um sich später zu entschuldigen: Das scheint eine verbreitete Vorgehensweise. Die Rapper mögen keine Juden hassen, das betonen sie zumindest immer wieder. Sie entschuldigen sich dann damit, lediglich die Politik des Staates Isreal zu kritisieren. Das steht jedem frei. Doch verwenden sie dafür verschwörungstheoretische Symboliken und antijüdische Sprachcodes, die im Internet kursieren und sich längst wieder ihren Weg auf die Schulhöfe gebahnt haben: Den Juden mit der Hakennase, die jüdische Familie Rothschild, die die Welt regiert, und den Ausspruch „Du Jude“ für hinterhältige oder geizige Menschen kennt wahrscheinlich fast jeder Schüler.

Diese antisemitischen Klischees werden durch Rap an Millionen Jugendliche verbreitet. Denn Rap will Straße sein, ungeschminkt. In einem Interview mit dem Magazin „Stern“ bringt der Berliner Rapper Fler das Selbstverständnis auf den Punkt: „Wenn man meine Musik ändern will, dann ändere doch meine Welt, in der ich lebe. Ganz einfach.“ Ganz einfach ist das sicher nicht. Doch der Punkt ist: Antisemitismus ist ein Problem, das heute wieder offensichtlicher zu Tage tritt, als noch vor wenigen Jahren. Sei es auf Schulhöfen oder in der Musik. Diese neue Form des Antisemitismus könnte am Donnerstagabend den wichtigsten Musikpreis Deutschlands gewinnen.

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