Museen

Das wiedergefundene Museum

Im Bode-Museum werden 59 Kunstwerke mit Schäden aus der Kriegs- und Nachkriegszeit restauriert. Ein Besuch in der Werkstatt.

Auf dem Tisch: eine der zwei "Schildträger"-Skulpturen von Tullio Lombardo. Beide Figuren aus Marmor sind porös. Ziel ist es, dass sie wieder stehen

Auf dem Tisch: eine der zwei "Schildträger"-Skulpturen von Tullio Lombardo. Beide Figuren aus Marmor sind porös. Ziel ist es, dass sie wieder stehen

Foto: Bjoern Kietzmann

Öffnet man die Tür der Restaurierungswerkstatt im Untergeschoss des Bode-Museums, blenden Lichtspots unsere Augen, grell und hell wie in einem OP-Saal. Auch die fahrbaren, höhenverstellbaren Tische überall im Raum erinnern daran. Und in gewisser Weise wird hier durchaus „operiert“. Statt Menschen liegen allerdings Skulpturen aus Marmor, Holz oder Terrakotta für die aufwendige, detailreiche Restaurierung ­bereit. Chefkurator Paul Hoffmann blättert durch eine braune „Krankenmappe“ mit Fotos und Dokumenten, so eine hat er für jeden seiner historischen „Patienten“ angelegt.

Vor uns auf dem Tisch präsentiert das Museumsteam um Julien Chapuis, Chef des Bode-Museums, Donatellos „Madonna mit vier Cherubim“ (1440–1445). Von dem Glanz des Meisterwerks der italienischen Renaissance ist kaum mehr etwas zu erkennen. Der Goldglanz fehlt, die blaue Farbe des Schutzmantels ist verschwunden, die ursprüngliche Fassung, also Rahmung fehlt. Und die Notsicherung durch eine Eisenstruktur an der Rückseite droht die Madonna durch Korrosion zu sprengen.

Mittlerweile wurden die alten Eisenschrauben in ihrem „Rücken“ entfernt und durch eine Edelstahlkonstruktion ersetzt. 1958 war das Werk in Moskau notdürftig stabilisiert worden, ehe es zurückging nach Ost-Berlin. Eine einzige Fotografie aus den 20er-Jahren dokumentiert die frühere Schönheit. Wie authentisch diese Aufnahme tatsächlich ist, weiß keiner der Museumsexperten genau.

Im Mai 1945 wurden die Werke erheblich beschädigt

Donatellos „Madonna“ nebst 58 anderen Kunstwerken sollen nun im Zeitraum von acht Jahren bis 2025 restauriert werden. Sie gehören zu jenen Objekten, die im Mai 1945 bei den verheerenden Bränden im Flakturm Friedrichshain erheblich geschädigt, zersetzt und verrußt wurden. Seit über 70 Jahren sind diese Werke nun nicht mehr ausstellungsfähig. Damit sind sie verschwunden, weil sie nicht zu sehen sind, der Forschung ohnehin entzogen. 10.000 Werke und Fragmente aus den Beständen der Skulpturensammlung konnten damals geborgen werden.

Ein Großteil der Werke wurde von den Trophäenjägern in die ehemalige Sowjetunion transportiert. In den Jahren 1955 bis 1958 gingen 1,5 Millionen Objekte an Berliner Museen zurück – 2,5 Millionen Exponate hatte die Rote Armee verlagert. Schätzungsweise lagern heute noch etwa eine Millionen Kunstwerke aus deutschen Museen und Privatsammlungen in Russland. Überhaupt war es erst nach der Wiedervereinigung möglich, eine vollständige Bestandsaufnahme vorzunehmen, da die Sammlungen der Museen durch die Teilung des Landes getrennt waren.

Finanziert wird dieses Projekt durch die Ernst von Siemens Kunststiftung im Rahmen der Initiative „Kunst auf Lager“. Gefördert wird mit einem „niedrigen siebenstelligen Betrag“. Zum Siemens-Paket gehört auch die Unterstützung des fachlichen Austauschs zwischen den Museumsexperten und Restauratoren in Berlin und im Moskauer Puschkin-Museum. Dort lagern noch immer Werke aus dem Altbestand der Skulpturensammlung. Man hat also die gleichen Zerstörungen, die gleichen Schadensbilder. Ziel ist, dass die Kollegen über die diffizilen Restaurierungsmethoden ins Gespräch kommen.

Hier wird es natürlich auch um Fragen der Restaurierungsethik gehen. Was rekonstruiert man, was nicht? Von der Marmorbüste der „Prinzessin von Neapel“ (1470) besitzt man glücklicherweise einen Gipsabguss. Den Kopf hat man, die Büste wurde zerstört. Wie also will man die Prinzessin am Ende dem Publikum präsentieren? „Wir respektieren die Intention des Künstlers, zeigen aber auch die geschichtlichen Brüche, also die Spuren des Zweiten Weltkrieges“, erklärt Kurator Neville Rowley die Strategie der Staatlichen Museen. In den USA hingegen sei es übliche Praxis, brandgeschädigte Objekte vollständig zu rekonstruieren.

Werke von Donatello gibt es nicht mehr auf dem Kunstmarkt

Donatellos „Madonna“ gegenüber liegen in der Werkstatt momentan auch die beiden Schildträger von Tullio Lombardo aus dem Jahr um 1493. Den beiden Männern fehlen die Waden, einst zierten sie das Grabmal des Dogen Andrea Vendramin in der venezianischen Kirche Santa Maria dei Servi. Momentan können sie nur horizontal gelagert werden – der Marmor ist porös. Sie sollen wieder stehen. „Die Restaurierung eigener Bestände ist genauso wichtig wie eine Neuerwerbung“, findet Martin Hoernes, Generalsekretär der Siemens-Kunststiftung. Werke von Donatello beispielsweise sind gar nicht mehr zu finanzieren, wenn sie überhaupt noch auf den Kunstmarkt kommen.

Ins Rollen kam dieses Restaurierungsprojekt durch Julien Chapuis Ausstellung „Das verschwundene Museum“ vor drei Jahren. Beeindruckend wurde hier rekonstruiert, welche Bilder und Skulpturen in den Bränden am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört oder beschädigt wurden. In den Rahmen an den Wänden hingen Schwarz-Weiß-Fotografien in Größe jener Bilder, die 1945 im Flakturm Friedrichshain vernichtet wurden. Das sei wie „ein Wink mit dem Zaunpfahl gewesen“, erzählt Hoernes, „so ein Projekt zu starten“.

Chapius nennt es nun ein „wiedergefundenes Museum. Die Frage stellt sich, wie viele restaurierungsbedürftige Werke überhaupt noch im Bode-Museum lagern. Chapuis denkt kurz nach, dann sagt er: „Es sind nur noch wenige Werke.“ Und wie funktioniert er nun, der deutsch-russische Museumsdialog? Chapuis spricht von einer flexiblen Taktik. „Wir verkehren mit den russischen Kollegen auf wissenschaftlicher Ebene – außerhalb der Politik.“ Eine tragfähige Vereinbarung über die Beutekunst zwischen Russland und Deutschland steht immer noch aus. „Wir gewinnen doch alle“, ergänzt Chapius, „wenn die Objekte nicht mehr in russischen Depots lagern, sondern ausgestellt werden.“

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