Konzert in Berlin

Musselwhite und Harper bringen den Blues nach Neukölln

| Lesedauer: 3 Minuten
Nils Neuhaus
Ben Harper (l.) und Charlie Musselwhite

Ben Harper (l.) und Charlie Musselwhite

Foto: pa

Blues-Legende Charlie Musselwhite und Multiinstrumentalist Ben Harper spielen in Huxleys Neue Welt ein virtuoses Konzert.

Berlin. Zwei Männer sitzen auf Klappstühlen am vorderen Rand der Bühne. Der Jüngere von ihnen trägt einen hellen Hut mit breiter, flacher Krempe. Der Ältere hat weißes Haar und lächelt unschuldig. Auf den Knien des Jüngeren liegt eine Gitarre, mit den Saiten nach oben, er spielt sie mit einem Bottleneck, also einem kleinen Metallröhrchen, das auf einem seiner Finger steckt, dabei schaut er nach unten, sodass die weiße Krempe sein halbes Gesicht verdeckt. Und während das Metall über das Griffbrett gleitet und die Gitarre so zum Aufheulen bringt, bläst der Ältere in eine Mundharmonika, so kräftig und so virtuos, dass einem der Atem stockt.

Der Weißhaarige mit der elektrisch verstärkten Mundharmonika ist niemand anderes als Blues-Legende Charlie Musselwhite, der mit Größen wie Tom Waits und John Lee Hooker spielte, wovon Letzterer zudem Trauzeuge bei seiner Hochzeit war. Musselwhite ist seit 2010 in der Blues Hall of Fame und lieferte dem Drehbuchautor Dan Aykroyd Inspiration für seinen Film „Blues Brothers“. Neben ihm sitzt Ben Harper, ein Multiinstrumentalist, der sich mühelos zwischen den Musikstilen Reggae, Blues und Soul bewegt und dessen großartigstes Instrument wohl seine Stimme ist. Begleitet werden die beiden von der Band, mit der sie auch die Aufnahmen für ihr neues Album „No Mercy In This Land“ machten.

Harper und Musselwhite decken während ihres Konzerts im Huxleys Neue Welt am Dienstagabend ein breites Spektrum an Blues-Richtungen ab. Country-Blues-Songs wie das ruhige „Trust You To Dig My Grave“ wechseln sich mit rhythmischen Nummern wie dem mitreißenden “Bad Habits” ab, das eher dem urbanen Chicago Blues zuzuordnen ist. Den Song „I Don’t Believe a Word You Say“ widmet Harper grimmig dem US-Präsidenten Donald Trump, und man merkt, dass er jedes Wort meint, das er da singt.

Hin und wieder stellt sich auch Musselwhite mit seiner rauen Stimme ans Mikro, doch die meisten Songs werden von Harper gesungen; sie behandeln klassische Blues-Themen wie Verlust, Liebe, Tod und Alkoholsucht. Und wenn Harper singt: „The devil takes care of his own“, erinnert das unweigerlich an das Gitarrenspiel des Blues-Musikers Robert Johnson, dem man nachsagte, er habe seine Seele für den Erfolg wie Faust an den Teufel verkauft.

Mit der Slide-Gitarre gelingt es Harper zu zeigen, wie viel Potenzial in dem Bereich zwischen zwei Noten steckt. Übertroffen wird er dabei nur von Musselwhite, der für jedes einzelne seiner Mundharmonika-Soli begeisterte Zwischenrufe erntet. Es ist verblüffend, wie viel Luft dieser Mann noch in seinen Lungen hat und wie viele Emotionen sich aus einem Instrument holen lassen, das man in seinen Händen verstecken kann.

Wer bei diesem Konzert nicht bis zur Zugabe geblieben ist, wird es wahrscheinlich bereuen, denn zum Schluss ihres Auftritts geben Harper und Musselwhite den Song „All That Matters Now“ zum Besten, wozu Harper sich ohne Mikro an den Bühnenrand stellt und mit so tragender und melodischer Stimme singt, dass nicht wenigen im Publikum der Mund offen steht.