Kultur

Ein Traum für jeden Wagner-Fan wird in Berlin wahr

Die Abende des Sir Simon Rattle sind gezählt. Nur noch zwölf Mal ist er als Chefdirigent in der Berliner Philharmonie zu erleben – Wagners „Parsifal“ mit eingerechnet. Jene Oper also, die gerade im Zentrum der diesjährigen Osterfestspiele der Philharmoniker in Baden-Baden stand. Und die dort leider für durchwachsene Kritiken sorgte: Dröge soll die Inszenierung von Altmeister Dieter Dorn gewesen sein, gemischt die Leistung der Sänger. Viel Lob dagegen für die Philharmoniker. Mit ordentlichem Rückenwind kehren sie daher nun zurück nach Berlin, um für den konzertanten Opern-Nachschlag zu sorgen.

Mit anderen Worten: Es gibt jetzt die pure Musik von Wagner, einen „Parsifal“ ohne ablenkende Regieeinfälle. Oder noch anders: ein Traum für jeden Wagner-Fan. Ein Traum aber auch, der viel Sitzfleisch fordert. Denn der „Parsifal“, Wagners letzte Oper, dauert knapp fünf Stunden. Und gemessen an diesen fünf Stunden gibt es ziemlich wenig Handlung und viel Selbstbespiegelung. Die innere Wandlung Parsifals vom Naivling ohne Namen zum triumphalen Erlöser wird von Wagner fast ins Unendliche gedehnt – mittels chromatischer Sequenzen, verschachtelter Trugschlüsse und einer Terzzirkelharmonik, die Rausch und Schwindel erzeugt. Sehr schön nun, wie Rattle mit Blick auf das Ganze diesen Rausch im ersten Akt noch deutlich bremst. Wach und direkt lässt er die Philharmoniker hier aufspielen, mit viel Sinn für Form und Struktur. Stuart Skelton gibt Parsifal derweil als sympathischen Trottel mit Unterbiss und leichtem S-Fehler. Und Kundry, die in Wagners Oper gleich zwei Existenzen führt? Nina Stemme verleiht dieser Kundry treffenderweise zwei ganz unterschiedliche Stimmen. Zurückhaltend routiniert gibt sich Stemme als Büßerin Kundry im ersten Akt, als Hure schmeißt sie sich dagegen so furios an Parsifal heran, dass einem Angst und Bange werden kann. Welch ein Abend.