Kultur

„Von der Stadt, die wir gedreht haben, ist nicht mehr viel übrig“

Wie ein 30 Jahre alter Film noch mal ganz neu wurde: Regisseur Wim Wenders über die aufwändige Restaurierung – und einen Nylonstrumpf

Es ist technisch nicht einfach, den Film „Der Himmel über Berlin“ zu restaurieren. Peter Zander sprach mit dem Regisseur Wim Wenders über diese Arbeit, den Film und seine Erinnerungen.

Herr Wenders, wieso hat „Der Himmel über Berlin“ jetzt eine Bildqualität, wie man sie selbst bei der Premiere 1987 nicht erleben konnte?

Wim Wenders: Das hat mit der Grundidee zu tun, dass die Engel die Welt in Schwarz-Weiß und wir Sterblichen in Farbe sehen. Weil man Kopien, in denen sowohl Schwarz-Weiß als auch Farbe vorkommt, damals nur von Farbnegativen machen konnte, mussten sämtliche Schwarz-Weiß-Teile mehrfach umkopiert werden. Ich will nicht mit technischen Details langweilen, am Ende waren alle Kopien des Films sechs Generationen vom Originalnegativ entfernt. Stellen Sie sich vor: Sie stecken ein Foto in den Kopierer, machen eine Kopie davon, davon wieder eine und so weiter. Was Sie am Ende in der Hand halten, hat längst nicht mehr die Qualität des ursprünglichen Bildes. Anders ging das damals nicht. Aber heute kann ich das Kameranegativ völlig verlustfrei einscannen und wieder zusammenbauen. Ist eine lange fitzelige Arbeit, als Ergebnis sieht der Film aber schöner aus als je zuvor.

Stimmt es, dass Ihr Film mit einem Nylonstrumpf über der Kamera gedreht wurde?

Nicht über der Kamera, nur vor der Linse, so dass er wie ein Filter funktionierte, der eine ganz feine Diffusion bewirkte. Gucken Sie mal durch einen Nylonstrumpf, den Sie ganz dicht vors Auge halten. Genau diesen Strumpf seiner Großmutter hatte unser Kameramann Henri Alekan schon 1946 für „Die Schöne und das Biest“ verwendet. Die Wirkung war ein zauberhafter feiner „Schmelz“. Kein neuzeitlicher Filter hatte diesen Effekt. Jede Einstellung vom „Himmel über Berlin“ wurde durch Großmutters Strumpf gedreht. Erst am vorletzten Drehtag gab er den Geist auf.

Was empfanden Sie, als Sie die alten Bilder noch mal so genau einer Revision unterzogen haben? Kamen da Erinnerungen hoch?

Es war schon sehr berührend, das Originalnegativ vor Augen zu haben. Es gab so viel mehr Details zu sehen! Plötzlich war jedes Straßenschild zu lesen, selbst die Graffitis waren wieder alle zu entziffern, auf der Mauer, die damals noch quer über das Niemandsland lief, wo heute der Potsdamer Platz steht.

„Der Himmel über Berlin“ wirkt noch heute wie eine einzige Liebeserklärung.

War es damals, und ich freue mich, dass man das auch heute noch sieht, auch wenn von der Stadt, in der wir damals gedreht haben, nicht mehr viel übrig ist. Heute ist unser Film geradezu ein historisches Dokument einer verschwundenen (oder neu auferstandenen) Stadt.

Ihr Film handelt von der Vereinigung zwei­er fremder Wesensformen. Am Ende ist von dem Wunsch die Rede, es müsse etwas passieren. Haben Sie da die deutsche Wiedervereinigung herbeigesehnt, vorausgeahnt?

Haben wir uns sicher alle herbeigesehnt, aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, irgendeiner von uns hätte ahnen können, dass zwei Jahre später nicht nur Engel, sondern alle Berliner durch die Mauer hindurchkamen.

Mit „In weiter Ferne, so nah!“ haben Sie eine Fortsetzung gedreht. Könnten Sie sich denn einen dritten Teil vorstellen?

Ich habe mein Glück schon mit dem zweiten Teil sehr strapaziert. Und es sind ja nicht mehr viele übrig von unserer Besetzung. Auch von denen, die zusätzlich bei „In weiter Ferne, so nah!“ mitgespielt haben, als da sind Heinz Rühmann, Horst Buchholz oder Lou Reed.

Ihr Film gilt vielen als der Berlin-Film schlechthin. Gibt es das überhaupt, den „Berlin-Film“?

Wenn es ihn nicht gäbe, hätten wir ihn mit dem „Himmel über Berlin“ erfunden. Aber das gilt auch für „Lola rennt“, oder „Good Bye, Lenin!“ und nun gerade auch für die Serie „Babylon Berlin“.