Kultur

„Es ist ein freudiges Gefühl“

Matthias Schulz hat die Amtsgeschäfte übernommen. Ein erster Besuch im Büro des Staatsopern-Intendanten

Das Intendanzgebäude steht seitlich hinter der Staatsoper Unter den Linden. Dort wird geprobt, geplant, verhandelt oder sich in der Kantine verabredet. Und hier residiert traditionell der Intendant in einem Eckzimmer mit einmaliger Aussicht auf die historische Mitte Berlins. Matthias Schulz, Jahrgang 1977, ist seit Anfang April offiziell im Amt. Als wir sein geräumiges Büro betreten, zeigt er zuerst zur Decke. Der Blick geht also aufwärts, die Decke ist unheimlich hoch. Selbst für ihn, der mit seinen 1,96 Meter Größe die hochgewachsene Seriosität verkörpert. Gleich danach tritt Schulz an eines der Fenster und zeigt in die Ferne auf einen kleinen blauen Fleck.

Der Blick schweift also die Behren-straße hinauf, rechter Hand steht das mächtige Opernhaus, links die St. Hedwigs-Kathedrale, vorbei am Bebelplatz und „Hotel de Rome“ entpuppt sich das kleine Blaue als die Fahne auf der Bayerischen Landesvertretung. Schulz hat lange Zeit in München gelebt und an der Ludwig-Maximilians-Universität im Jahr 2003 sein Diplom als Volkswirt bekommen. Zuvor hatte er sich am Mozarteum Salzburg zum Konzertpianisten ausbilden lassen. Schulz ist die heute selten gewordene Mischung eines Musiker-Intendanten. Der Wind stehe oft günstig, sagt der am Fenster stehende Opernchef, weshalb die Fahne in voller Breite zu erkennen ist. Er muss selber über seine Beobachtung lachen. Er ist gut drauf. Und mit Heimweh habe das wirklich nichts zu tun, fügt er noch hinzu.

„Wenn man durch die Pforte ins Haus geht, fühlt es sich nicht anders an“, sagt er auf die Frage, ob sich mit Amtsbeginn gefühlsmäßig etwas verändert hat. Genau genommen gehört Schulz bereits seit zwei Jahren zum Opernteam, das zunächst im Schiller-Theater spielte. Mit der Wiedereröffnung der sanierten Staatsoper Unter den Linden wurde Schulz zum Ko-Intendanten an der Seite von Jürgen Flimm, der sich nun Ende März in den Ruhestand verabschiedet hat. „Bisher habe ich vor allem die Spielzeiten vorbereitet“, sagt Schulz, „jetzt steige ich vollends in die täglichen Amtsgeschäfte ein.“ Die Zielrichtung ist klar: „Es wird von uns erwartet, ein internationales Opernhaus zu sein. Herzstück bleibt das künstlerische Programm.“ Und dann gibt er schließlich doch zu, dass es „ein freudiges Gefühl ist“, jetzt die „Zügel in die Hand zu nehmen“. Schulz zählt zu den Intendanten, die ihre Antworten sorgsam ausformulieren, keinesfalls gehört er zu jenen, die ihre Gefühle auf der Zunge vor sich hertragen. Möglicherweise muss man sich seine Leidenschaften auf dem Klavier vorspielen lassen.

Gründung eines eigenen Opernkinderorchesters

Bei der Frage, wie es ums eigene Künstlerdasein und dem Klavierspiel steht, zögert er ein wenig. „Ich finde leider weniger Zeit, als ich mir wünschen würde“, sagt er. „Aber ich hadere nicht damit, dass ich kein Pianist geworden bin. Ich fühle mich wohl in der Rolle, für tolle Künstler den richtigen Rahmen herzustellen. Ich kann mich mit anderen mitfreuen.“ Daheim hat Schulz gerade mit seiner ältesten Tochter, die ihr Abitur macht, eine Mendelssohn-Cellosonate gespielt. Der Intendant, der mit einer Staatsanwältin verheiratet ist, hat insgesamt fünf Kinder. Das väterliche Denken mag man auch in seinen Staatsopern-Visionen entdecken, wo Kinder und Jugendliche auf vielfältige Weise ins Programm eingebunden werden.

Schulz will etwa die Kontakte zu den Berliner Musikschulen ausbauen. Das gerade entstehende und sehr ernst gemeinte Opernkinderorchester wird Prokofjews „Peter und der Wolf“ unter der Leitung von Daniel Barenboim aufführen. „Ein Instrument zu erlernen, ist eine entscheidende Erfahrung fürs Leben, egal ob man später Musiker wird oder nicht“, sagt Schulz: „Für uns als Opernhaus ist es wichtig, dass die Musik bei den Menschen bis zum 25. Lebensjahr tief verwurzelt ist. Dann werden sie ihr ganzes Leben lang damit umgehen und auch nach Phasen, in denen weniger Zeit für Opernbesuche bleibt, zurückkehren.“

Das Verhältnis des neuen Intendanten zum mächtigen Generalmusikdirektor Barenboim scheint bestens zu sein. Zwei Musiker, obendrein Pianisten, finden offenbar schneller eine gemeinsame Sprache. Schulz beschreibt Barenboim als „jemanden, der immer Neues entdecken will und weiß, dass Institutionen wie die Staatsoper Impulse brauchen.“ In der Neugierde treffen sich die beiden. Unter vier Augen könnten sie alles besprechen, sagt Schulz, es sei eine Frage der Argumente.

Die Fenster auf der anderen Seite seines Büros offenbaren den Blick auf den Boulevard Unter den Linden. Linker Hand verdecken Baucontainer die Sicht aufs Opernhaus. Die Container sollen im Sommer weg sein. „Ich freue mich darauf, wenn die Besucher in der Pause wieder ums Opernhaus herum flanieren können“, sagt Schulz. Rechter Hand wird gerade das frühere „Operncafé“ umgebaut, in das Prinzessinnenpalais zieht die Kunsthalle der Deutschen Bank ein. Den Platz davor wird man gemeinsam beleben, denn auch die Staatsoper plant ein gastronomisches Angebot im Grünen. „Ich habe schon viele Menschen in der Nachbarschaft getroffen“, sagt Schulz. „Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass die Leute ins historische Zentrum, das gerade neu entsteht, kommen.“