Kultur

Instrumente für Gitarrengötter

Die Rock-Musik stirbt, heißt es. Doch wer sich in Berlin umhört, bekommt einen völlig anderen Eindruck

Vom Hauptwerkzeug des Rock ’n’ Rollers – der E-Gitarre – werden immer weniger Exemplare verkauft. Bei den großen US-Herstellern sank der Absatz in den vergangenen zehn Jahren um ein Drittel. Auch in Deutschland macht sich der Trend bemerkbar: Wer sich die deutschen Charts des Musik-Dienstes Spotify anschaut, findet in den Top-100 nicht mal eine Handvoll Songs, die sich ohne Bauchschmerzen dem Genre Rock zuordnen ließen. Wer sich aber in Berlin auf Spurensuche begibt, merkt, dass die Rock-’n’-Roll-Szene hier sehr lebendig ist. Während also auch die deutschen Charts von Pop, R’n’B und Hip-Hop besetzt sind, leistet der Rock in Berlin Widerstand. Doch vielleicht zieht er sich ja nur zurück: zu seinen Wurzeln.

Wer den Laden „Berlin Guitars“ in der Schöneberger Motzstraße betritt, kann erfühlen, dass es um den Rock ’n’ Roll in Berlin nicht so schlecht bestellt sein kann. Lack- und Holzgeruch steigen einem in die Nase und dieser eigentümlich metallische Hauch, der Gitarrensaiten umweht. Aus den Lautsprecherin dröhnt „Message in a Bottle“ von The Police. Hunderte akustische und elektronische Gitarren hängen an den Wänden. Links neben dem Eingang bastelt Khaled Hassan, genannt Moe, an einem Gitarrenhals.

Bei „Berlin Guitars“ riecht es nach Rock ’n’ Roll

Moe ist Eigentümer des Gitarrenladens, baut selbst E-Gitarren. Wer ihn fragt, wie es um seine Leidenschaft, die Gitarrenmusik, bestellt ist, ob sie gar ausstirbt, dem erzählt er: „Das Einzige, was sich geändert hat, ist, dass es nicht mehr diese enormen Gitarrenhelden gibt, wie es sie früher mal gab.“ Er selbst hat mit 15 angefangen zu spielen. Ein klassisches Alter, wie er sagt. Sein Biologielehrer steckte ihm eine CD zu von einem dieser „enormen Gitarrenhelden“: Jimi Hendrix. Moe hörte nicht wieder auf, E-Gitarre zu spielen. Bei Berlin Guitars verkaufen sie mittlerweile deutlich mehr Akustik- als E-Gitarren. Vier zu eins ist das Verhältnis. „Wenn man sich die aktuell erfolgreiche Musik anguckt, gibt es da tatsächlich viel mehr Akustik-Gitarre: Ed Sheeran ist das beste Beispiel, der ist riesengroß gerade.“ Sheeran, ein rothaariger Junge aus West Yorkshire, ist heute so etwas wie ein Gitarrenidol. Vom rebellischen Rock ’n’ Roller keine Spur, der Mann ist Schwiegermutters Schwarm.

Die Fakten scheinen eindeutig: Zum ersten Mal in der Geschichte der US-Charts wurde im vergangenen Jahr Rock-Musik als meistverkauftes Genre abgelöst. 25 Prozent der Verkäufe konzentrierten sich auf R’n’B und Hip-Hop, erst dann folgt Rock – die Verkaufszahlen des einst übermächtigen Genres schwinden seit Jahren. Als einflussreiche Gitarristen gelten heutzutage nicht mehr E-Gitarrengötter wie Jimi Hendrix oder Jimmy Page, sondern sanfte Popstars wie Sheeran und Taylor Swift. Wirklich zu schaffen macht dem Gitarrenladen aber nicht, dass sie weniger E-Gitarren verkaufen, sondern die immer größer und günstiger werdende Konkurrenz online.

Wer mal in Berlin auf einem Rockkonzert war, weiß, dass es in keiner anderen deutschen Stadt ein so großes Angebot an Konzertplätzen, Bands und Szeneläden gibt. Berlin ist die Stadt der Live-Konzerte. Ob Olympiastadion, in dem die Rolling Stones auftreten, mittelgroße Konzerthallen wie der Festsaal Kreuzberg, kleine Orte für gefeierte Szene-Bands wie der Bassy Cowboyclub oder der Urban Spree auf dem RAW-Gelände: die Möglichkeiten aufzutreten sind groß. Auch die Berliner Rockszene selbst produziert europaweit angesehenen Nachwuchs: Die Band Isolation Berlin schaffte den Durchbruch 2016 mit ihrem Album „Und aus den Wolken tropft die Zeit“, das hervorragende Kritiken bekam. Die beiden Frauen des Berliner Garage-Rock-Duos Gurr gewannen kürzlich den Preis für das beste europäische Album des Jahres, verliehen vom internationalen Verband der unabhängigen Musikunternehmen – den hatten vorher Künstler wie Adele oder The XX gewonnen.

Gentrifizierung gefährdet Konzerthallen

Tammo und Jascha von der Berliner Band Odd Couple haben gerade ihr zweites Album veröffentlicht: „Yada Yada“. Sie bedienen sich verschiedenster Rock-Einflüsse und würzen ihre Musik mit einer Spur Dadaismus. Im Video zur ersten Single wird Schauspieler Wilson Gonzalez Ochsenknecht zersägt. Gerade touren sie durch Europa. Dass der Rock ’n’ Roll im Sterben liegen soll, können sie nicht mehr hören. „Ach, wie ich dieses Thema hasse“, sagt Schlagzeuger Tammo, braune, lange Haare, am Anfang des Gesprächs, um dann doch auszuholen: Musikalische Entwicklungen verliefen in Zyklen, Altes würde wiederverwendet und mit Neuem gepaart. Dass die Musik heute braver sei und nicht mehr so revolutionär wie der frühe Rock ’n’ Roll liege auch daran „wie unsere Gesellschaften aufgestellt sind.“ Gitarrist Jascha, blonde, lange Haare, sagt: „Ich bin entspannt, dass das alles wiederkommt.“ Für ihn persönlich sei Rock ’n’ Roll das beste Ventil, das es gibt. Musik zu machen mit „Händen und Füßen“, das gleiche ihn aus.

Allerdings ist selbst in Berlin die Rock-’n’-Roll-Szene unter Druck. Aber nicht durch ausbleibendes Publikum, sondern durch steigende Mieten und Baupläne von Investoren. So schließt der altgediente Bassy Cowboyclub bald seine Pforten. Nach einer Mietsteigerung kann der Betreiber sich nicht mehr leisten, den Laden weiterzubetreiben. Und Tammo von Odd Couple sagt: „Rettet das Urban Spree!“ Es ist zwar noch nicht entschieden, dass die Konzertlocation auf dem RAW-Gelände schließen muss. Doch setzten die Investoren dort ihre Pläne um wie befürchtet, verschwinde auch das Urban Spree von der Bildfläche, so seine Sorge.

Und so scheint es, dass die Rock-’n’-Roll-Szene in Berlin zwar nicht im Sterben liegt, aber durch die Verdrängung ihrer Treffpunkte aus den angesagten Innenstadt-Kiezen zumindest gefährdet ist. Denn klar ist: Das große Geld wird zumindest momentan nicht mit Rock­ ’n’ Roll verdient. Viel mehr zieht er sich dorthin zurück, wo er herkam: in die kleinen Clubs, den Untergrund. Dorthin, wo es nach Bier riecht und Zigaretten.