Kultur

„Liebe ist viel komplexer als Flirten“

Auf dem neuen Album „Deeper“ bleibt SängerinLisa Stansfield ihrem Soul-Sound treu

Wer sich von Lisa Stansfield, der unterkühlt wirkenden, aber im Gespräch sehr freundlichen Soul-Diva aus Manchester auf dem achten Studioalbum „Deeper“ systemrelevante Veränderungen erhofft hatte, der mag enttäuscht sein. Andererseits: Warum sollte die 51-Jährige, die 1990 mit „All Around The World“ einen der Hits des Jahres ablieferte und bis heute mit dieser Übernummer assoziiert wird, ihrem Stil untreu werden? Immerhin zeigen weder die Stimme noch die jahrzehntelange Liebes- und Arbeitsbeziehung zu ihrem Mann, Co-Songschreiber und Produzent Ian Devaney, irgendwelche Abnutzungserscheinungen. Gemeinsam haben die zwei vertraut klingende, eingängige, schwungvolle und mitunter mitreißende Classic-Soul-Pop-Nummern wie „Everything“, „Hercules“ oder „Billionaire“ konzipiert. Wir unterhielten uns mit Lisa Stansfield am Telefon.

Mrs. Stansfield, Sie sagen, in Ihrem neuen Stück „Just Can’t Help Myself“ gehe es um Abhängigkeiten. Was ist Ihre persönliche Sucht?

Lisa Stansfield: Zigaretten! Zumindest war das früher so. Ich habe schrecklich gern und auch viel geraucht. Andere Drogen haben mich glücklicherweise nie interessiert.

Wann haben Sie mit dem Rauchen aufgehört?

Vor neun Jahren schon. Seitdem macht mir das Touren wieder viel mehr Spaß. Überall wurden damals Rauchverbote eingeführt, im Flugzeug und auch im Tourbus, nirgendwo durfte ich mehr eine Zigarette rauchen. Also dachte ich: „Das ist ein Zeichen. Lisa lass es.“

Ihrer Stimme haben die fehlenden Zigaretten allerdings wenig anhaben können. Sie singen und sprechen immer noch schön dunkel.

Sie hätten mich mal vor zehn Jahren reden hören sollen. (lacht) Da war die Stimme richtig dreckig. Jetzt habe ich wieder die Stimme, die ich mit 25 hatte. Neun Jahre waren wohl lange genug, um die Lungen anständig zu reinigen.

Erinnern Sie die übrigen Bestandteile Ihres Körpers ebenfalls an eine Mittzwanzigerin?

Schön wär’s. Ich denke, ich habe mich anständig gehalten, aber ich bin weit davon entfernt, das Leben einer jungen Frau zu führen. Darum geht es letztlich auch auf „Deeper“. Der Kern des Albums ist Akzeptanz. Die Gelassenheit und die Tiefe, die du mit zunehmendem Alter bekommst, wiegen die Nachteile für mich auf.

Also ist die Musik auf „Deeper“ zeitloser als Sie selbst?

Ohne Zweifel. Wir haben den Nagel schon damals bei meinem ersten Album auf den Kopf getroffen, und ich denke, melodischer, klassischer Soul mit einigen zeitgemäßen Elementen ist die Art von Musik, die mir einfach am meisten liegt. Ich liebe Melodien und Texte, die dich durchatmen lassen, die nicht zu schwer sind. Ich könnte keinen Song über Politik machen, das deprimiert die Leute ja sowieso schon zur Genüge.

Worüber genau singen Sie im Titelsong des Albums?

„Deeper“ ist wirklich das persönlichste Stück des Albums, es geht um die Beziehung zwischen meinem Mann und mir. Wir sind seit gut zwanzig Jahren verheiratet und sogar seit dreißig Jahren ein Paar. So eine Liebe ist viel, viel komplexer als Flirten, Aufreißen und sich wieder trennen. Wir sind schon fast unser gesamtes Erwachsenenleben zusammen, es ist verrückt, aber unheimlich schön.

Wie hat sich Ihre Liebe denn verändert?

Sie ist reifer geworden. Und für mich noch bedeutender und stärker. Dreißig Jahre! Ich finde, darauf dürfen wir stolz sein.

Ihr Ehemann Ian Devaney war einst Ihr Bandmitglied, bis heute schreiben und produzieren Sie Ihre Songs gemeinsam. Ist das nicht manchmal gar zu viel Nähe?

Finde ich nicht. Wir haben unser eigenes Studio bei uns zu Hause, mit Ian arbeite ich definitiv am allerliebsten. Beim gemeinsamen Songschreiben macht es uns total viel Spaß, uns in ein anderes Leben hineinzuträumen. Nicht jeder Song auf „Deeper“ spiegelt unsere eigene Situation wider, das wäre ja auch ein bisschen zum Fürchten. Wir beiden können Kunst und Realität ganz gut trennen.

Um welche Form der Begierde geht es dann in „Desire“?

Oh, das ist eine kleine, schmutzige Fantasie und ganz klar kein Lied über meinen Mann (lacht). Viele der neuen Songs sind kleine Ausflüge in unsere Vorstellungswelt. Das Überthema war für uns ein lustiges, hedonistisches, eventuell frivoles Wochenende in der Stadt. Wir wollten auf der Platte das alltägliche Leben hinter uns lassen und von Nächten erzählen, in denen die Post abgeht.

Verbringen Sie manchmal solche Wochenenden?

Ach je, ehrlich gesagt nicht. Mein Leben ist zu langweilig, um darüber zu singen. Ich bin über 50 Jahre alt, Ian auch, meine Freundinnen ebenfalls. Ich bin früher wirklich gern in Clubs gegangen, sehr selten mache ich das auch heute noch. Aber wenn ich nicht auf Tournee bin, verbringen Ian und ich die meisten Abende auf unserem Sofa. Ich bin gerne daheim, wir machen uns etwas Leckeres zu essen und erinnern uns daran, was ich für ein wilder, partyfreudiger Teenager war.

Sie sind seit drei Jahrzehnten als Sängerin erfolgreich. Wegen des Geldes müssten Sie vermutlich nicht mehr singen.

Ich käme klar. Ich muss nicht mehr singen, aber ich möchte. In all den Jahren habe ich nie die Lust an der Musik und am Singen verloren. Du gewöhnst dich einfach niemals hundertprozentig an diesen Job. Er steckt voller Unsicherheiten und Unwägbarkeiten, doch genau das liebe ich an ihm.

Album: „Deeper“. Am 6. Mai um 20 Uhr tritt Lisa Stansfield im Friedrichstadt-Palast auf. Tickets kosten von 53,65 bis 68,60 Euro