Kultur

Mit dem Mythos aufgeräumt

In „Medea. Stimmen“ erzählt Tilmann Köhler in den Kammerspielen von einer Frau, die gegen die Männerwelt rebelliert – und dabei alles verliert

Wasser tropft aus ihren Kleidern und rinnt ihr so aus ihren Haaren wie diese ganze Geschichte gleich durch ihre Finger. Sie ist so nass, dass man sie in ein Handtuch wickeln und trockenrubbeln möchte. Aber selbst das würde nicht gegen diese alles durchdringende Nässe auf der Bühne helfen, das merkt man schnell. In die springt Medea (Maren Eggert) hinein wie andere ins Sonnenlicht. Unerschrocken ist sie, frei, sie hat keine Angst vor ihr und vor der Dunkelheit schon gar nicht.

Seit sie zwei Geheimnisse aufgedeckt hat, die unter Verschluss gehalten werden sollten, fürchtet sie sich sowieso vor nichts mehr. Nicht vor den Männern, die sich verbissen an ihre Macht klammern, nicht vor den Mitläufern und den Raushaltern, die doch jeden Konflikt schüren, nicht vor den Freunden, die aus Neid zu Feinden werden. In Christa Wolfs „Medea. Stimmen“, das Tilmann Köhler am Donnerstagabend zum ersten Mal auf die Bühne der Kammerspiele im Deutschen Theater gebracht hat, wird mit einem Mythos aufgeräumt. Der hat sich jahrhundertelang ziemlich hartnäckig gehalten: Dass Medea eine Kindsmörderin ist, eine rasende Furie, eine mordlustige Irre. In dieser Version der berühmten Geschichte ist sie nichts davon. Sie ist emphatisch, klug, eloquent, stolz. Das wird ihr zum Verhängnis.

Die Bühne ist bloß Dunkelheit. Und Wasser. Karoly Risz hat sie zu einem grandiosen, feuchten Schlund gemacht, der alles verschlingt. Freundschaft, Mitgefühl, Integrität, Liebe vor allem. Am Ende der Geschichte wird nichts Menschliches mehr dort sein. Bloß dieser Mythos von der Mutter, die ihre eigenen Söhne aus Eifersucht tötet, der ist da. Dabei hat Medea, die Maren Eggert mit wahnsinnig viel Verve spielt, nichts mit deren Tod zu tun. Vor den Zuschauern wälzt sie ihre Geschichte in Textlawinen, Monolog an Monolog, geradeaus starrend, als könnte sie nichts davon abbringen.

Eggert spuckt die Worte vor sich hin, hinein in dieses Wasser, das häufig aus dem Becken heraus in die erste Zuschauerreihe spritzt. So wie ihr Ekel vor diesen Männern. Klar, dass die es nicht gerne sehen, wenn jemand ihre Geheimnisse ausplaudert. Und keine Angst vor ihnen hat. Medea jedenfalls wird aus der Stadt vertrieben. Und als sie fast vergessen ist, da bringt man noch ihre Söhne um, damit auch ja nichts von ihr bleibt, und behauptet, sie selbst wäre es gewesen. „Ich, Medea, hätte meine Kinder umgebracht. Wer soll denn das glauben?“, fragt sie so tonlos, dass es einen fröstelt. Viele.

Köhler, ehemaliger Theatershootingstar, stand sieben Jahre beim Staatsschauspiel Dresden unter Vertrag und arbeitet jetzt frei. Er hat den Prosatext mit Juliane Koepp für die Bühne bearbeitet und sich ziemlich genau an Wolfs Version gehalten. Wie im Roman sprechen einer szenischen Lesung gleich die titelstiftenden Stimmen zum Publikum: Medeas Partner Jason (Edgar Eckert) zum Beispiel, der mehr an Geltung interessiert ist als an Liebe zu ihr, oder ihre Schülerin Agameda (die famose Lisa Hrdina), deren Zurückweisung in Hass umschlägt. Jede Figur ist wunderbar besetzt. Vor allem Medea stattet Eggert mit so viel Kraft und Erhabenheit aus, dass man sofort ahnt, dass das mit ihr nicht gut gehen kann. Nicht in dieser Männerwelt, nicht nach #metoo.

Als Wolfs Text vor 22 Jahren erschien, hat man ihn hauptsächlich als autobiografisches Wende-Dokument gelesen. Dass Medea aus Kolchis ihre neue, falsche Heimat Korinth, also Wolfs Wiedervereinigungswesten, anprangert. Den Kapitalismus, den Machthunger, dieses Sündenbock-Suchen. Sicher ist das eine Lesart. Dass sie dem Text jedoch nicht gerecht wird, dass er mehr bietet, zeigt Köhlers Stück. Anders als in seiner mut- und kraftlosen „Macbeth“-Inszenierung vor drei Jahren – da konnten auch Eggert und Ulrich Mat­thes als Protagonisten nicht viel herausreißen – ist er mit diesem Stoff warm geworden. Er hat behutsam Szenen herausgearbeitet, die gegenwärtige Debatten unterfüttern, die Flüchtlings-Diskussion zum Beispiel oder #metoo.

Denn Medea erzählt von einer Gesellschaft, die Zugewanderte kaum akzeptiert. Deren Traditionen und Hierarchien sich nicht öffnen, die sich eher in Parallelgesellschaften splittet als in eine Gemeinschaft. So erzählt Eggert mit bebender Stimme, dass dieses Land, in das sie geflohen ist, ihr immer fremd bleiben wird. Und dass sie, die Königstochter, einen Stich spürte, als man sie „Flüchtling“ nannte, degradierte, verniedlichte. Und es erzählt vom Kampf gegen das Patriarchat und von all den Harvey Weinsteins, von Männern, die der Macht wegen vor nichts zurückschrecken. Nicht vor Verleumdung, nicht vor Vergewaltigung, nicht vor dem Mord der eigenen Kinder. Und auch nicht vor der Bearbeitung von Medeas Geschichte. Erst Euripides, ein Mann, hat Medea, der „guten Rat Wissenden“, der Heilerin, diesen brutalen Kindsmord zugerechnet. Wolf hat diese Männerfantasie neu recherchiert. Und anderes herausgefunden.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13 a, Mitte. Nächste Termine: 10.4., 19.30 Uhr; 27.4., 20 Uhr; 4.5., 20 Uhr

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