Konzert in Berlin

Warum Maite Kelly die bessere Helene Fischer ist

Sie steht zu ihren Kurven und den Widrigkeiten des Lebens: Maite Kelly begeistert im Friedrichstadtpalast ihre Fans.

Kein Kunstprodukt: Maite Kelly steht dazu, wie sie ist

Kein Kunstprodukt: Maite Kelly steht dazu, wie sie ist

Foto: picture alliance

Berlin.  Da steht sie nun ganz allein im Scheinwerferlicht im Lederrock, mit roter Corsage und ihren stattlichen Rundungen. Maite Kelly, ganz ohne ihre Family - dabei wäre Platz genug neben ihr auf der großen Bühne des Friedrichstadtpalastes. Doch während ihre Geschwister gerade ihr umjubeltes Comeback feiern, ist sich der zweitjüngste Spross der hippiesken Musiker-Familie selbst genug. Mit Erfolg: Zum dritten Mal hat sie ihre „Sieben Leben“-Tour bereits verlängert. Spielt auch an diesem Mittwochabend vor ausverkauftem Haus.

Als zu Konzertbeginn die ersten Töne ihres Hits „Jetzt oder nie“ ertönen, stöckelt sie elegant die Showtreppe hinunter zu ihrem Publikum, als der letzte Ton erklingt, ruft sie: „Wie geht’s? Meine Fresse, schon zum dritten Mal hier!“

„Meine Fresse“, sagt sie wirklich und aus dem Publikum ruft jemand: „Maite, Du bist wunderbar!“ Kelly liefert an diesem Abend eine energiegeladene Show, sie trägt vier Outfits und spielt alle ihre Hits - außerdem große Schlager der 1960er und mit Donna Summer auch Disco-Music der 1970er-Jahre. Zu „Schuld war nur der Bossa Nova“ zieht es sie ins Publikum. Sie singt eine lange Zugabe und schenkt der neunjährigen Karolin ein von ihr gestaltetes Kinderbuch. Sie wechselt zwischen ihrem lasziven Charme, wenn sie mit ihren beiden Tänzern flirtet, und jugendlicher Frechheit wie es ihr beliebt. Ihre junge Band begleitet sie souverän durch den Abend.

Für ihre Fans ist sie "die Maite"

Wichtiger ist aber, dass sie für ihre Fans „die Maite“ ist. Eine Künstlerin mit viel Selbstironie, die – zumindest auf der Bühne – ihr Herz auf der Zunge trägt, die sich nicht schert, dass sie ein paar Kilogramm mehr auf den Rippen hat, als viele ihrer Kolleginnen. Sich selbst auf die Schippe nehmen, das kann sie gut. „Ein guter Entertainer hat Ecken und Kanten, ich habe Wellen und Dellen“, sagt sie und grinst.

Kelly singt Sätze wie „Ich bin die Frau meines Lebens, genau mein Typ“, statt stumpf Männer anzuschmachten. Die Sängerin lässt sich auf die Showtreppe fallen, um zu zeigen, wie beschwerlich das Aufstehen für sie ist. Beweist den Zuschauern mit der nächsten Tanz-Choreographie aber, was sie wirklich drauf hat.

Das Publikum liebt sie dafür. Im Rekord-Tempo kämpft sich die in Berlin geborene 38-Jährige vor in den deutschen Schlager-Olymp. Ihr im Oktober 2016 veröffentlichtes Album erreichte Platin-Status, ihr Hit „Warum hast Du nicht Nein gesagt“ mit Roland Kaiser hat fast 70 Millionen Klicks bei Youtube – mehr als „Atemlos durch die Nacht“ von Deutschlands Schlager-Königin Helene Fischer.

Überhaupt: Auch Helene Fischer ist an diesem Abend nicht aus dem Friedrichstadtpalast wegzudenken. Denn wenn sie es ist, die die perfekte Schlagerwelt erschafft - heile Volksmusik-Liebe mit Florian Silbereisen, perfektes Äußeres und fehlende Skandale -, dann ist es Maite Kelly, die diese einreißt. Kelly trägt ihre Rundungen stolz zur Schau, trennte sich im vergangenen Jahr von ihrem Mann, hat bereits einen emotionalen Talk-Show-Auftritt hinter sich und duschte die Besucher einer Bottroper Disco kürzlich mit Bier. Klatschpressen-Skandälchen, die sie natürlich auf der Bühne kommentiert.

Dass sie so etwas wie der Gegenentwurf zu Helene Fischer ist, das weiß sie. Nach einem anstrengenden Tanz erzählt Maite Kelly, dass sie im Gegensatz zu Fischer schwitze und die unechten Haare, die sie auf dem Kopf trage, die verrutschten auch immer. Kelly, so scheint es, hält der perfekten Schlagerwelt mit ihren Dellen und Wellen und mit ihrer Offenheit den Spiegel vor.

Könnte uns so eine Schlagerkönigin nicht viel lieber sein, als blutleere Mega-Inszenierungen aus heilen Welten? Das Publikum im Friedrichstadtpalast ist sich am Ende des Abends jedenfalls sicher: „Wir lieben Dich, Maite!“

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