Kultur

Berliner Atmosphäre

Die Premierenpläne der Komischen Oper: Harry Kupfer kehrt zurück und Moritz Eggert vertont Fritz Langs „M“

Eine Spielzeit der Jugendlieben scheint der Komischen Oper für 2018/19 bevorzustehen. Jedenfalls war die Erfüllung von Herzenswunsch-Inszenierungen das Lockmittel für einige der sieben Premierenvorhaben, die Intendant Barrie Kosky am Dienstag vorstellte. Mit größter Spannung ist eine Regiearbeit von Harry Kupfer zu erwarten. Lange schon hatte Kosky den langjährigen Chefregisseur der Komischen Oper (1981–2002) gebeten, ans Haus zurückzukehren.

„In wenigen Wochen beginnt Harry, den ‚Macbeth‘ an der Staatsoper zu erarbeiten. Natürlich hat er dort zehn Inszenierungen gemacht, aber seiner DNA nach gehört er doch hierher“, lacht Kosky. Für eine große Chor-Oper ließ Kupfer sich nicht erwärmen, aber dann erinnerte er sich an seine erste Regieassistenz in Halle an der Saale – bei der Händel-Oper „Poros“. Seit damals habe er den Wunsch gehegt, das Werk eines Tages selbst zu inszenieren. Im März 2019 kehrt der Grandseigneur des realistischen Musiktheaters mit dieser relativ unbekannten Barockoper um einen britischen Eroberungsfahrer und den indischen König Poros zurück an das Haus an der Behrenstraße in Mitte.

Barrie Kosky inszeniert „ein persönliches Angststück“

Mit Harry Kupfer hat auch eine eigene Inszenierung von Barrie Kosky zu tun, „ein persönliches Angststück“ nennt er „La Bohème“. Nicht, weil er sie nicht lieben würde, sondern aus Ehrfurcht. Puccinis Oper hat am Haus mit einer Inszenierung von Walter Felsenstein, dem Gründer der Komischen Oper, und später mit einer ebenso international aufsehenerregenden Fassung von Kupfer eine lange Tradition. Kosky hat Letztere als australischer Austauschstudent im Januar 1988 gesehen, erinnert sich genau an den kalten Winterabend in Ost-Berlin und „die Inszenierung mit dem bis heute besten dritten Akt von ‚La Bohème‘“.

Die aufsehenerregendste Uraufführung dürfte im Mai 2019 „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ werden. Moritz Eggert vertont Fritz Langs berühmten Kriminalfilm aus dem Jahre 1931. Obwohl die Großstadt nicht näher benannt wird, atmet der Film die Atmosphäre Berlins der 20er-Jahre. Barrie Kosky stellt den von der Stadtmeute gehetzten Mörder ins Zentrum seiner Inszenierung. Verkörpert wird die schillernde Figur von dem texanischen Bariton Scott Hendricks. Eggert komponiert die Oper für nur eine erwachsene und 60 Kinderstimmen, wobei die Kinder auch die Rollen der Erwachsenen verkörpern. Selbstverständlich werde er zur Inszenierung noch nichts verraten, sagt Kosky, doch eine Besonderheit sei, dass ein Teil der Sängerinnen und Sänger im Orchestergraben wirken werde.

„Moritz Eggert komponiert den Klang einer Stadt, er versteht sich auf Jazz und Geräuschhaftes. Es wird keine musiktheatralische Umsetzung des Meisterwerks von Lang werden, sondern etwas ganz Eigenes. Und ich freue mich, diese Uraufführung mit Ainārs Rubiķis zu machen.“ Eine Uraufführung in seiner ersten Spielzeit dirigieren zu dürfen und sich auch sonst mit einem vielgestaltigen Paukenschlag als neuer Generalmusikdirektor (GMD) vorstellen zu können, das gefällt dem 39-jährigen Letten sichtlich. Besonders freut er sich auf sein erstes Symphoniekonzert im Oktober mit seinem engen Freund Martin Grubinger, hinter dessen Schlagwerkaufbau für John Coriglianos Werk „Conjurer“ das Orchester wohl halb verschwinden werde. Erich Wolfgang Korngolds Musik habe er erst in den letzten Jahren kennengelernt und sauge sie seither auf wie ein Schwamm, erzählt Ainārs Rubiķis. Was für ein Geschenk also, dass er „Die tote Stadt“, erstmals an der Komischen Oper zu sehen, zu Beginn seiner ersten Spielzeit als GMD dirigieren dürfe. Das Haus setzt damit seine Reihe von Opern jüdisch-deutscher Komponisten fort und lockt dafür den kanadischen Star-Regisseur Robert Carsen ans Haus. Auch er erfüllt sich mit dem musikalischen Psychothriller einen Traum, den er seit jungen Regietagen hegte.

Im Rahmen des zu Ende gehenden Jubiläumsjahres wird Barrie Kosky im November im Rahmen eines dreitägigen Festivals „Bernstein 100“ am Haus Leonard Bernsteins Musical „Candide“ inszenieren. „Ein problematisches, schizophrenes Stück“, in dem Anne Sofie von Otter ihr Rollendebüt als Old Lady gibt und zu dessen Premiere „alle drei Bernstein-Kinder anreisen werden“, wie der Intendant verkündet. Nach dem Erfolg der „Clivia“ kehren die Geschwister Pfister an die Komische Oper zurück, diesmal mit der Fußball-Operette „Roxy und ihr Wunderteam“ von Paul Abraham, der, so Kosky, „die musikalische Seele dessen ist, was ich am Haus schaffen will“.

In seiner siebten Spielzeit empfindet der australische Regisseur die Komische Oper als Zuhause. Bis 2022 halte er die Treue bedingungslos. „Ich bin kein Karriereintendant, habe ich ja schon öfter gesagt. Nicht ohne zu überlegen – immerhin ist es das weltweit best­aufgestellte Opernhaus derzeit –, habe ich der Staatsoper München und anderen abgesagt.“ Er sei in sehr guten Gesprächen, auch, was die vier bis fünf Jahre „Zwischenspielzeit“ während der Generalsanierung des Hauses betreffe, sagt Kosky. Es werde keine „Komische Oper im Schillertheater“ geben – wenn auch die Proben dorthin verlegt würden –, sondern man werde für Inszenierungen Projektorte überall in der Stadt finden, die Baujahre als „verrückte Festivaljahre“ verstehen.

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