Film

Eine Liebe, zum Scheitern verurteilt

Eine Geschichte, die kein Drehbuch erfinden konnte: Annette Bening brilliert in „Film Stars Don’t Die In Liverpool“ als alternde Diva.

Der Filmstar Gloria Grahame (Annette Bening) und der Schauspiel-Novize Peter Turner (Jamie Bell)

Der Filmstar Gloria Grahame (Annette Bening) und der Schauspiel-Novize Peter Turner (Jamie Bell)

Foto: Sony Pictures

Es gibt das Kino und es gibt das Leben, und man sollte sie tunlichst nicht miteinander verwechseln. Aber es gibt doch Momente, wo Traumfabrik und schnöde Realität ineinandergreifen. Für Peter Turner ergab sich das 1978. Der Schauspielnovize lebte damals in einem Wohnheim für angehende Künstler in London, in das es auch die Amerikanerin Gloria Grahame verschlug. Ein Filmstar, der seine besten Zeiten da schon hinter sich hatte.

Da sitzen sie dann zusammen im Kino und sehen sich den Film an, für den die Grahame einen Oscar gewonnen hat. "Stadt der Illusionen" aus dem Jahr 1952, in dem Turner gerade mal geboren wurde. Doch die beiden verbindet mehr als nur die Wand zwischen ihren Zimmern und der Traum, auf der Bühne zu stehen. Sie kommen sich bald näher. Trotz des Altersunterschieds, der ja bei älteren Herren und jüngeren Damen nie eine Rolle spielte, im umgekehrten Fall aber schon für Unmut sorgt.

Die Beziehung hat aber nicht nur unter dem Druck von außen zu leiden, sondern auch unter den Allüren des Altstars, denen der Jüngere kaum gewachsen ist. Als die Grahame bei einem Bühnenauftritt in London zusammenbricht, sind sie schon nicht mehr zusammen. Statt ins Krankenhaus zu gehen, quartiert sich die Grahame aber bei Turner und dessen Eltern in Liverpool ein. Wo sie kurz ein Familienleben genießt, wie sie es selbst nie hatte.

Das ist der Ausgangspunkt von Paul McGuigans Film. Die Todkranke zieht zu ihrem Ex-Lover, was bei beiden Erinnerungen hervorruft, die als reizvolle Montage von Rückblenden und Jetztzeit erzählt werden. Kein Drehbuch hätte sich eine solche Geschichte ausdenken können. Und doch wird sie erzählt wie eine Filmromanze aus Hollywoods großer Zeit. Das Leben imitiert das Kino. Wobei das Kino immer auch eine Rolle spielt, wenn das Paar zusammen "Saturday Night Fever", aber auch "Alien" ansieht. Gleichwohl, und auch das schafft nur das Kino, zeigt sich, dass die Erinnerungen der beiden nicht immer deckungsgleich sind. Erst durch die doppelte Perspektive wird daraus eine gemeinsame Geschichte.

"Film Stars don't die in Liverpool" ist ein Film, der von vielen Déjà-Vus lebt. Auch was die Besetzung angeht: Jamie Bell, der mit "Billy Elliott" berühmt wurde, ist hier wieder mal tanzend zu erleben und lernt so überhaupt erst die Grahame überhaupt kennen. Und Annette Bening hat schon einmal eine alternde Mimin gespielt, die einen Jüngeren liebt. "Being Julia" war aber eine Komödie, bei der sie am Ende triumphierte. Hier steht ihr der Schmerz des Abschieds von Anfang an ins Gesicht geschrieben. Sie spielt das mit großer Ehrlichkeit und ohne Scheu vor jeder psychischen oder physischen Nacktheit.

Auch der echte Peter Turner, auf dessen Erinnerungen der Film basiert, hat einen Gastauftritt. In der schönsten Szene des Films, in der der Lover seiner Liebe ihren größten Traum erfüllt: einmal trotz des Alters die Julia auf Londons Shakespeare-Bühne spielen. Zwar nur mit ihm allein, vor leerem Saal. Aber für einen Moment siegt da die Kunst über das Leben. Eine der ergreifendsten Liebeserklärungen seit langem.

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