Kultur

Frauen an die Macht

Das Georg Kolbe Museum in Charlottenburg widmet sich zehn Bildhauerinnen der Moderne. Sie kämpften um ihr Ansehen in der männerdominierten Kunstwelt

Der Berliner Kunstkritiker Franz Servaes lässt absolut kein gutes Haar an den jungen Künstlerinnen. Margarete Moll strebe mit ihren Skulpturen "einen Scheußlichkeitsrekord an", schreibt er 1916, Renée Sintenis hingegen sei "bizarr und graziös". Was er da publiziert, hat wenig mit einer Fachkritik zu tun, sondern mit der subjektiven Meinung des Mannes. Sein Credo: Frauen gehören an den Herd, nicht in die Bildhauerei, die ist Männersache. Zu hart, zu schwer, zu unweiblich.

Umso erstaunlicher ist es, wie viele Künstlerinnen es dennoch versuchten, ihren eigenen Weg zu gehen. Zumal es erst 1919 Frauen erlaubt war, sich offiziell in einer Kunstakademie einzuschreiben. Es war ihnen lediglich gestattet, Kunstgewerbeschulen zu besuchen. Nur: Diese Ausbildung war wenig anerkannt, denn dort produzierte man keine Kunst, sondern kleinteiliges Kunstgewerbe – so die Sicht der Männer. Das Georg Kolbe Museum zeigt nun in der überzeugenden Ausstellung "Die erste Generation" zehn Bildhauerinnen der Berliner Moderne, die sich auf unterschiedliche Weise verwirklicht haben – mit teilweise spannenden Biografien. Eine Fotowand präsentiert ihre Großporträts: Auffallend männlich posen einige von ihnen in ihren Ateliers, mit kurzen Haaren, mit schmalem Schlips und weißem Hemd wie Milly Steger.

Tiermotive vom Affen bis zur Kuh überwiegen

Rund 100 Werke sind zusammengekommen. Käthe Kollwitz, geboren 1867, gehört dabei zu den ältesten Bildhauerinnen, die jüngeren Künstlerinnen wurden im Schnitt um 1880/1890 geboren. Egal ob Milly Steger oder Louise Stomps, einige sind längst vergessen. Darunter auch Sophie Wolff, die 1944 in Berlin starb. Nur noch die Tagebücher von Kollwitz geben Auskunft über ihr Leben. Der Krieg verursachte oft Brüche in den Biografien, Werke gingen schlicht verloren oder wurden zerstört. Mit Kollwitz und Renée Sintenis hingegen verbinden sich bis heute prominente Werke: die Pietà in der Neuen Wache Unter den Linden etwa oder der beliebte Bär der Berlinale-Auszeichnung. Zwei Versionen sind im Kolbe-Museum vertreten.

Kollwitz war die erste Frau unter den Mitgliedern in der Akademie der Künste und früh schon in den Ausstellungen der Berliner Secession vertreten. Ihre Arbeiten gelten immer noch als Symbol gegen Krieg und Gewalt.

Tiermotive vom Fohlen über den Affen bis hin zur Kuh überwiegen. Beliebt waren auch grazile Tänzerinnen und liebreizende, emotionale Paarporträts. "Bevorzugte Themen der Zeit. Diese Plastiken ließen sich gut verkaufen", weiß Museumsdirektorin Klara Wallner. Die wohl witzigsten Minibronzen der Schau stammen übrigens von Renée Sintenis, kaum zu übertreffen in ihrer herrlich spielerischen Art – wie das sich kratzende Fohlen zeigt und der bockige Ziegenbock.

Auffallend ist auch, dass Kleinformate vorherrschen, Großskulpturen waren eben kostspielig. Nicht für Milly Steger, die monumentale Bauplastiken entwickelte. Vier überlebensgroße Frauenakte, die sie für die Fassade eines Theaters entwarf, lösten einen Skandal aus, weil sie das damalige Rollenklischee sprengten. Jedenfalls war sie im Jahr 1920 in nahezu jedem Lexikon zur zeitgenössischen Plastik aufgeführt.

Zu den interessantesten Künstlerinnen gehört Marg Moll mit ihren eigenwilligen, kantigen Figuren, die an Auguste Rodin erinnern. Sie arbeitete mit Henri Matisse in dessen Akademie zusammen. Ihr Mann Oskar Moll lehrte ab 1919 an der Kunstakademie in Breslau, wohin ihn seine Frau begleitete. Hier tummelten sich beide in einer lebendigen Kunstszene um Oskar Schlemmer und Otto Mueller.

In der Zeit entstand auch ihre wunderbar gestreckte "Tänzerin", die unter den Nationalsozialisten 1937 in der Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt wurde. Diese Figur wurde als Teil des spektakulären Skulpturenfundes 2010 vor dem Roten Rathaus entdeckt. Die Molls kehrten 1932 nach Berlin zurück. 1943 zerstörte ein Bombenangriff ihr von Hans Scharoun im Grunewald erbautes Wohnhaus. Marg Molls Werke wurden zerstört.

Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25
in Charlottenburg. Täglich geöffnet
von 10 bis 18 Uhr. Zu sehen bis 17. Juni.

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